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Review: GRAN TORINO

Gran Torino - Drama - Freigegeben ab 12

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Erwartungen:
Der Film fehlt auf fast keiner Top-Liste des Kinojahres 2009, was allein durch den Namen Clint Eastwood gerechtfertigt schien. Den Status, einer der besten Regisseure aller Zeiten zu sein, wird er kaum mehr aberkannt bekommen und das vollkommen berechtigterweise. Was, wenn nicht hoch hätten die Erwartungen also sein sollen?!
HOCH

Umstände:
Nach den diversen Eastwood-Klassikern der letzten Tage mit viel Vorfreude auf den wahrscheinlich letzten Auftritt des alten Recken vor der Kamera.
GUTER EINFLUSS

Bilder::
IN ZAHLEN

Jahr: 2008
Länge: ca. 112 Min

US-Kinostart: 9.01.2009
dt. Kinostart: 5.03.2009

Budget: 33 Mil.
Box Office: 269 Mil.
(USA: 148 Mil. / weltweit: 121 Mil.)
Bestenliste: 20 (weltweit 2008)

CAST

Clint Eastwood
Bee Vang
Ahney Her
Christopher Carley
John Carroll Lynch
Brian Haley
Geraldine Hughes
Brian Howe
William Hill
Dreama Walker

CREW

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Nick Schenk,
Dave Johannson

Kamera: Tom Stern

Schnitt: Joel Cox,
Gary D. Roach

Musik: Kyle Eastwood,
Michael Stevens, Jamie Cullum


Inhalt

Walt Kowalskis Mundwinkel sind auf Kinnhöhe verankert: die Frau des pensionierten Koreakriegsveteran ist verstorben, seine Nachbarschaft in einer Vorstadtsiedlung von Detroit widert den knurrigen Rassisten an, besteht sie doch beinahe nur noch aus Asiaten, ausländischen Autos und Ganggewalt. Walt, selbst polnischstämmig, sieht die Ideale Amerikas Tag für Tag den Bach runtergehen. Eines Abends schlichtet er mit dem Gewehr im Anschlag einen aufkeimenden Krawall, als eine gewalttätige Gang den jungen Thao aus dem Nachbarhaus auf ihre Seite bringen will. Die aufgeschlossene Sue ist es schließlich, die den verbitterten alten Mann auftauen kann, der nun Thao mit seiner rauen Art unter seine Fittiche nimmt – mit verheerenden Folgen…


Der Film

Für Schauspieler ist der Schritt nach dem größten meistens der unsicherste und gefährlichste und endet nicht selten in einem verschreckten Hechtsprung zurück. (Einstige) Kassenmagneten und Superstars wie Harrison Ford, Bruce Willis oder Sylvester Stallone kehren nach reihenweise Misserfolgen und Stagnation zu ihren Idealtypen zurück, werden nach Jahren noch einmal zu Indiana Jones, John McClane oder Rocky Balboa, wollen am Ruhm ihrer berühmtesten Figuren noch ein letztes Mal teilhaben. Clint Eastwood hätte das eigentlich nicht nötig, zumindest nicht aus den selben Gründen, aus denen die vorgenannten Herren noch einmal die Peitsche schwingen, langsam sterben und die Fäuste fliegen lassen. Auch Eastwood schuf in den 1960ern und 70ern unvergessliche Typen, den schweigsamen Revolverhelden in diversen Western, den harten gewaltbereiten Cop in Dirty Harry. Ebenfalls Rollen, zu denen Eastwood immer wieder zurückkehrte (unter dem Titel The Dead Pool erschien 1988 der fünfte Dirty Harry), über die er allerdings mit Darstellungen wie im bitterironischen Abgesang auf den Gunslinger in Erbarmungslos (1992) oder als romantischer Landschaftsfotograf nebst Meryl Streep in Die Brücken am Fluss (1995) letztlich schauspielerisch hinauswuchs. Dies gelang ihm jedoch besonders eindrucksvoll hinter der Kamera, denn es ist der Regisseur Eastwood, der sich über die letzten Jahre mit gefeierten Meisterwerken wie Mystic River (2003), Million Dollar Baby (2004), Letters from Iwo Jima (2006) und Der fremde Sohn (2008) den Ruf als großer weiser Mann Hollywoods erwarb.

Mit Gran Torino bringt Regisseur Eastwood nun ein letztes Mal die Ikone, das Image Eastwood zurück, doch (und darin zeigt sich die Größe dieses Mannes), er tut es nicht, um sich im Ruhm vergangener Tage zu sonnen. Vielmehr liefert Eastwood die ultimative Abrechnung und eine mutige Stellungnahme zu dem, was ihn einst populär gemacht hat. Ein Schlussakt, fern jeder Selbstverliebtheit, weit ab davon, Ausdruck des nicht wahrhaben Wollens des Alters zu sein. Eine keineswegs kalkulierte Rückbesinnung auf Bewährtes (selbst wenn Gran Torino Eastwoods kommerziell erfolgreichster Film geworden ist), sondern das schließende Element eines Kreises, in dessen Mitte nun der Schauspieler Eastwood Platz auf seinem wohlverdienten Thron nimmt. Aber kann man es nun als Selbstverständlichkeit abhaken, dass der Film Gran Torino diesem Anlass auch gerecht wird?

Auch wenn es einzelne Punkte gibt, hinter die man den Haken nicht unbedingt in schwungvoller Begeisterung und nur mit Bleistift setzt, so verdient sich Gran Torino aber insgesamt doch den verschnörkelten Abschlusshaken in strahlend blauer Tinte. Die Story ist vollgestopft mit allen erdenklichen Klischees über asiatische Güte, schwarzes Ghettogehabe und weiße Wannabes und Walt Kowalskis Wandlung vom Fremdenhasser zur Vaterfigur geschieht nicht nur allzu abrupt, sie ist auch keinen zelluloidstreifenbreit originell und findet sich sehr ähnlich nicht nur in Eastwoods eigener Performance aus dem Box-Drama Million Dollar Baby. Kowalski als Figur hingegen ist ein echtes Erlebnis. Schon in der ersten Szene, in der Kirche während der Trauerfeier für seine Ehefrau, hält er sich nicht mit Besinnung oder gar Tränen auf, sondern spießt mit argwöhnischen Blicken seine herumkaspernden Enkelkinder auf, presst grimmige Urlaute aus den Mundwinkeln und jede einzelne Falte scheint den Menschen um ihn die Luft zum Atmen rauben zu wollen.

»We used to stack fucks like you five feet high in Korea«, »Relax, zipperhead«, »Good day, pusscake«, »You’re wrong, eggroll«. Kaum ein Satz, den Walt nicht mit abwertenden Beleidigungen zuckert und dabei macht er keinen Unterschied zwischen Schwarzen, Weißen, Asiaten, Italienern, Iren, Söhnen, Schwiegertöchtern oder Geistlichen wie dem eifrig bemühten Pater Janovich, der Walt nur zu gerne die Beichte abnehmen würde, um ihn von seinen Dämonen zu befreien. »I think you’re an overeducated 27-year-old virgin who likes to hold the hands of superstitious old ladies and promise them everlasting life. I confess that I have no desire to confess.« Sein Sohn fährt einen ausländischen Wagen, will ihm Altersheime schmackhaft machen, zum Geburtstag bekommt er eine Greifhilfe und ein Telefon mit riesigen Tasten. Für all das hat Walt nichts anderes, als ein angewidertes Schnauben und Grunzen übrig, seine Hündin Daisy akzeptiert er als einzige Instanz neben sich.

Mit den Vang Lors, einer Hmong Familie, die vor kurzer Zeit im Nebenhaus eingezogen ist (»How many swamp rats can you get in one room?«), trifft Walt aufeinander, als der zurückhaltende Thao zwecks Aufnahme in die Gang seines Cousins Walts heißgeliebten 1972er Ford Gran Torino Sport stehlen soll. Wenig später ‚rettet‘ Walt Thao vor der Gang, obwohl er nur sein Grundstück verteidigen will (»Get off my lawn!«) und bringt die selbstbewusste Sue vor ein paar zudringlichen Posern in Sicherheit. Die größtenteils aus Hmongs bestehende Nachbarschaft überhäuft ihn mit Geschenken und Walt lässt sich an seinem ernüchternd verlaufenen Geburtstag zu einem Fest bei den Vang Lors breitschlagen. Tatsächlich entdeckt er Gemeinsamkeiten zwischen sich und den verhassten Einwanderern und als Thao zur Wiedergutmachung des geplanten Autodiebstahls Walt seine Dienste anbietet versucht der abgebrühte Alte einen harten Kerl aus ihm zu machen.

»Sounds like you know a lot more about death than you do living« sagt Pater Janovich bei einem Kneipengespräch zu Walt. »Maybe so, Father«, antwortet er. »Maybe so.« Wieviel und was auch immer Walt darüber weiß, Eastwood jedenfalls spielt die Figur mit einer Menge Leben, wenn auch zutiefst verbittertem und von Hass und Groll geprägtem. Hier und da gerät die Figur an den Rand der Überzeichnung, wirkt in einigen schattendominierten Einstellungen mit ihrer bedrohlichen Haltung beinahe wie einem Slasher entronnen und wenn Eastwood Augen und Mund zu Strichen zusammenpresst, sein Gesicht zu scharfkantigem Granit wird und er dann ein Knurren hervorpresst ist dies beinahe so etwas wie das lebensverachtende Gegenstück einer Jim Carrey-Grimmasse. Doch wenn man ihn liebevoll über seine Frau sprechen hört, deren Liebe ihn den Hass nicht hat überwinden und die Dinge, die ihm im Koreakrieg wiederfahren sind, nicht hat vergessen lassen, und sich eben an jene Ereignisse die Erinnerung in seine Worte und seine Augen schleicht, wenn er als letzter Hüter der durch Krisen und Misswirtschaft zerrütteten Werte auf seiner Veranda sitzt, dann ist dieser Walt Kowalski auch ein melancholischer und trauriger Mann, den Eastwood nicht weniger ausdrucksstark einzufangen und zu spielen versteht.

Obwohl die Story von Gran Torino nur auf oberster Ebene und auch recht überraschungsfrei passiert, ist Eastwoods gewohnt apodiktische Inszenierung, die keinen Zweifel daran zulässt, ob irgendeine Szene anders hätte gestaltet, gespielt oder geschrieben werden müssen, das auf wenige, aber die wichtigsten Funktionen ausgelegte Kontrollboard des Films. Der Rhythmus stimmt, Eastwood rafft, beruhigt und strafft die Handlung stets im richtigen Moment, gemeinsam mit Kameramann Tom Stern, der seine Filme seit Blood Work (2002) bebildert, bildet Eastwood ein bildsprachlich untrügliches Duo. Die Musik von Sohnemann Kyle Eastwood und Michael Stevens erklingt nicht oft und nicht einmal unbedingt einprägsam, wird aber bei Ertönen zum klanglich feinen Hintergrund der jeweiligen Momente. Gran Torino erzählt damit eine im positiven Sinne schlichte Geschichte auf einwandfreie Weise, deren politische Unkorrektheit sie zudem ungekünstelt und natürlich wirken lässt, da hier weder Tabubrüche provoziert werden, noch pietistische „eigentlich wollen wir ja niemandem wehtun“-Zurückhaltung herrscht.

»What the hell does everybody want with my Gran Torino?« fragt sich Walt und während die Frage in Bezug auf sein Auto von PS-Fans sicher auch zu beantworten wäre, fällt sie beim Film Gran Torino auf jeden Fall eindeutig aus: man will ein weiteres Eastwood-geprägtes Meisterwerk und spätestens mit der grandios bitteren Schlusspointe bekommt man es auch. Eastwood führt seinen Mythos als Schauspieler zu einem konsequenten, aber gerechten Ende, das sich zwar abzeichnet, aber dennoch berührt und ihm einen würdigen Abgang von seiner Arbeit vor der Kamera verschafft. Allein diesem natürlich mit wenigstens leichter Wehmut verbundenen Gedanken wegen wird Gran Torino seinen besonderen Platz in der Karriere Eastwoods sicher haben, wobei man zugeben muss, dass dies ohne diese außerordentliche Note vom Film selbst ausgehend möglicherweise nicht der Fall gewesen wäre.


Wertung & Fazit


Relevante Themen in ChristiansFoyer
Acting Legends: CLINT EASTWOOD

Mehr zum Film

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  • http://kino-tv-und-co.blogspot.com C.H.

    Sehr gut! Einer der seltenen Fälle, wo ich eine Rezension zu 100 Prozent unterschreiben kann. Vor allem das Stilmittel der zahlreichen Zitate gefällt mir in diesem Zusammenhang. Nun kannst du dir in Ruhe “Invictus” ansehen, der sich besser in das Gesamtwerk Eastwood einpasst, als man vorher vielleicht gedacht hätte.

  • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

    Danke für Lob und Tip! Ich würd “Invictus” natürlich schon sehr gern sehen, weiß aber noch nicht, ob das im Kino was wird

  • http://doscorazonesblog.wordpress.com/ Dos Corazones

    Es ist eigentlich schade, dass so ein Schauspieler wie Eastwood fast gänzlich vor meiner Zeit vor der Kamera aktiv war. Umso schöner ist es, dass ich nun seine Regieleistungen (top) jetzt richtig mitverfolgen kann.

  • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

    Obwohl man natürlich alles nachholen kann verstehe ich, was du meinst. 20, 30 Jahre und mehrere Kino-Generationen später erreicht’s einfach nicht die selbe Wirkung, als wenn man wirklich “aktiv” an dieser Zeit teilgenommen hätte

  • http://home.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user Sprengstoff Olli

    Nur 9 von 10? Tztztztz….

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Nett, dich hier begrüßen zu dürfen ;)
      Für die volle Punktzahl waren dann doch zwei, drei kleinere Mängel in der Story, aber ist doch trotzdem noch ‘ne großartige Wertung für’n großartigen Film!

  • http://www.independentfilme.com indiefreak

    ich habe das gefühl, ich bin der einzige, der GRAN TORINO nicht überragend fand. ein guter, unterhaltsamer und überraschend humorvoller Film ist er schon, aber für mich ist’s eher ne 7/10… viel zu vorhersehbar, teils fast schon plumpe dialoge (oder waren die absicht?) und eigentlich, wenn Eastwood da nicht so geglänzt hätte, kein wirklich besonderer Film IMO

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Ich seh das ähnlich, das Eastwood hier vieles ausmacht und der Film ohne ihn eklatante Schwächen hätte, die man ihm vielleicht nicht verzeihen würde. Ich hab “Gran Torino” aber durchgehend in dem Kontext gesehen, dass Eastwood hier zum großen Schlag gegen sein altes Leinwand-Image ausholt und darin fand ich den Film grandios. Bis 15 Minuten vor Schluss stand er bei mir bei 8/10, aber das Ende setzt einfach Krone und Ausrufezeichen auf und hinter Eastwoods Leinwandleben

  • http://ueberfluessigundunwichtig.blogspot.com Mr. Pink

    Bin ganz deiner Meinung, dieser Film hätte ohne Clint Eastwood nicht funktioniert, es wäre schön wenn das Eastwoods letzter Film wäre, da er sich mit diesem Ende ein grandioses Denkmal gesetzt hat.

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Sehr richtig, und ich denke, Eastwood besitzt auch die Konsequenz und Selbsteinschätzung, es genau dabei zu belassen

  • http://blockbusterandmore.blog.de tobe78

    “Gran Torino” gehört ganz eindeutig zu Eastwoods besten. Eastwood beherrscht sein Fach!

ChristiansFoyer

is written,

produced and directed

by Christian Hoja

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