Daten/ZahlenVOLVER (dt. Titel: Volver – Zurückkehren) Genre: Tragikomödie Freigegeben ab: 12 Jahr: 2006 Länge: ca. 121 Min. dt. Kinostart: 3.08.2006 US Kinostart: 26.01.2007
Cast & CrewRegie: Pedro Almodóvar Cast: Drehbuch: Kamera: Schnitt: Musik: |
Inhalt
Die schöne Raimunda hat es nicht leicht. Ihr Mann Paco ist arbeitslos, neben ihrer Arbeit am Madrider Flughafen hat sie mehrere Nebenjobs, um die Einkünfte der Familie zu sichern. Als sie eines Abends nach Hause kommt holt Raimundas Tochter Paula sie verstört vom Bus ab und berichtet: Paco hat sich der vierzehnjährigen unsittlich genähert, nun liegt er tot in der Küche, von Paula in Notwehr erstochen. Während Raimunda die Spuren zu beseitigen versucht bittet ihr Nachbar Emilio sie, ein paar Tage auf sein zum Verkauf stehendes Restaurant aufzupassen. Schließlich ruft auch noch ihre Schwester Sole an und teilt ihr mit, dass ihre alte Tante gestorben ist – was Sole verheimlicht ist, dass ihr kurz darauf der Geist ihrer vor einigen Jahren bei einem Waldbrand ums Leben gekommenen Mutter erscheint…
Der Film
Die Schönheit, die Endgültigkeit, die Vergänglichkeit, das Wiederkehrende – die Weiblichkeit, der Tod, der Wind, die Rückkehr – feminidad, muerte, viento, volver. Die Frauen eines Städchens in der Region von La Mancha pflegen mit geübten Handgriffen die Gräber ihrer Verwandten, Witwen, Weisen, Schwestern, Enkelinnen, ein starker Wind fegt über den Friedhof und die abergläubischen Dorfbewohnerinnen glauben daran, dass die Toten zurückkehren, wenn ihnen auf Erden etwas letztes zu Erledigen verwehrt geblieben ist. Geisteskrank, nicht mehr ganz bei Sinnen, so nennen es die Städter, zu denen nun auch Raimunda und Sole gehören, die ihre rustikal-karge Heimat gegen einen Arbeitervorort von Madrid getauscht haben. Die tückischen Winde der Gegend scheinen nicht nur deren Bewohnern mit den Jahren den Verstand zu rauben, der von ihnen vorangetriebene Waldbrand nahm den Schwestern auch die Eltern.
Von denen hat Sole weniger mitbekommen als Raimunda. Sie ist weniger attraktiv, weniger lebensfroh, ihr Hintern und ihre Brüste weniger üppig, »Qué cara de sota tiene la Sole«, irgendwie ordinär sieht sie aus, findet Tante Paula, die sie misstrauischer und weniger herzlich in den Arm nimmt, als sie es mit Raimunda tut. Sole hat weniger Leben, keine Tochter zu ernähren, keinen Mann zu befriedigen, doch sie hat auch weniger Verantwortung, ihr illegaler häuslicher Friseurservice sichert ihr das Einkommen, das Raimunda sich erschuften muss. Sie muss Tochter Paula ständig die teuren Telefonate mit ihren Freundinnen verbieten, völlig geschafft muss sie auch Paco abwimmeln, der gerade seinen Job verloren hat und nun zunächst mal die Annehmlichkeiten von Sofa, Bier und Fußball geniesen will. Nachdem sein Blick dabei weg vom Ball und zwischen die Beine und den Türspalt seiner vermeintlichen Tochter wandert nimmt er seine Bedürfnisse erst selbst in die Hand – ehe er sie am nächsten Abend an Paula abreagieren will.
Sie haben es (mal wieder) nicht leicht, die Frauen in Pedro Almodóvars Volver. Das muss der aus der Provinz Ciudad Real stammende Regisseur und Drehbuchautor nicht lange bebildern und schon gar nicht muss er es eine seiner Protagonistinnen aussprechen lassen. Die „Chica Almodóvar“ ist keine der jammernden Sorte, sie leistet, handelt, erledigt und wenn es sein muss mordet sie auch. Sie lamentiert nicht, ihre großen Gesten sind zum Leben, nicht zum Leiden da, es en la vida, ja, lebendig ist sie. Selbst die Toten versprühen noch Leben, abgesehen von Paco, der ist nach Paulas Messerstichen so tot und abgeschlafft wie zuvor schon auf dem Sofa. Und als Raimunda die Küche, den Tatort, betritt, ist nur einen Augenblick lang Zeit für Schrecken und Trost, dann wird gehandelt, gesäubert, entsorgt, ohne ein Zeichen der Geschehnisse wird dem Nachbarn an der Tür begegnet, den Blutfleck am Hals tut Raimunda als Frauensache ab. Sowieso kommt Emilio gerade recht, beziehungsweise sein Trip nach Barcelona, denn die Kühltruhe in seinem Restaurant ist größer als der Kühlschrank in Raimundas Wohnung. Überhaupt Emilios Restaurant: das hat ihr schon immer gut gefallen und als ein Filmteam in der Nähe aufschlägt versteckt es nicht nur eine Leiche, sondern füttert auch noch dreißig zahlende Münder.
Es sind scheinbare Beiläufigkeiten, kleine Nebensächlichkeiten, fast unmerkliche Reaktionen und es ist ein ständiges Geschehen, Passieren und Vorwärtsgehen, wodurch Volver voran kommt. Zwar wirkt das Tragische an Almodóvars Film nie wirklich tragisch, dem entgegen ist auch das Witzige nie wirklich witzig, trotzdem ist er nicht etwa vieles ein bißchen und nichts so richtig. Sondern durch diese nicht bis zum Anschlag des Extrems ausschlagende Art in angenehmer Weise leicht zu gucken, als auch sich weitestgehend auf nur skizzierte Eindrücke verlassend, die von einer solchen Stärke sind, dass sie den Darstellerinnen einen enormen Freiraum lassen, wie er auch dem Zuschauer bei der Eigenerforschung von Volver zugestanden wird. Almodóvar überfrachtet den Film nicht mit einem einzigen Eindruck zu viel, nichts klares wird verschleiert, aber auch nicht jeder Schleier gleich gelüftet, um keine Ecke wird gebogen, wenn nicht auch ein Weg geradeaus zum Ziel führt. Dafür wird gelogen und der Wahrheit ausgewichen, das Problem unmittelbar, aber meist nicht im Ganzen gelöst, oder es wird gelogen und es wird aufgeklärt, wobei die Überraschung für die Figuren größer als für den Zuschauer sein darf. Raimunda verbirgt den toten Mann, die wahre Herkunft ihrer Tochter, Sole verschweigt die Geistererscheinung ihrer Mutter, diese wiederum verbirgt sich auf recht ans Irdische gebundene Weise unter dem Bett. Und Agustina, eine gute Bekannte und Nachbarin aus ihrem Heimatort, hütet noch einmal ein ganz anderes, allumfassendes Geheimnis.
Zentrum all dessen ist ohne Frage eine berauschende Penélope Cruz. Ihre Raimunda ist eine viel öfter auf den eigenen Vorteil bedachte und ihr Geheimnis ausnutzende, oft pur und impulsiv reagierende Frau, als dass sie in voller Glückseligkeit ihre Lebensmitte gefunden haben könnte. Doch auch sie führt ihr Leben nach vorne, weniger im Rückblick, schaltet zur Not den Fernseher aus, wenn dieser mit Katastrophenberichten über verheerende Waldbrände allzu sehr an Vergangenes erinnert. Dennoch kehrt sie gerne nach Hause und zu Tante Paula zurück, Raimunda hat die Heimat nicht vergessen, sie verleugnet sie nicht, sondern wurde gezwungen, gewisse Dinge zu verdrängen. Ohne Aufmerksamkeit erzwingen zu müssen lenkt Cruz diese dennoch in jeder Szene auf sich, jedes ihrer Worte lockt das Gehör, ob gesprochen oder später (wenn auch nicht von ihr selbst) gesungen, jeder Anblick lockt das Auge, auch das von Almodóvar und seinem Kameramann José Luis Alcaine. Oft schauen sie ganz genau hin, wenn Cruz Busen und Po reckt, zelebrieren das Runde, das Weibliche, aber ohne zu gaffen, sondern mit Bewunderung. Dabei vernachlässigen sie aber nie, was es neben culo und pecho noch zu bewundern gibt, nämlich Cruz‘ blühend-präzise Mimik, ihre Wirkung im Ganzen eingefangen und natürlich wird auch der Rest des grandiosen Ensembles nicht übersehen.
Denn Lola Dueñas als einsame, das Haus kaum verlassende Sole, Carmen Maura als von den Toten (oder doch woanders her?) zurückkehrende Mutter Irene, sowie nicht zuletzt Blanca Portillo als krebskranke Agustina und die beiden Paulas Yohana Cobo und Chus Lampreave bringen ebenfalls ganz starke Leistungen. Dueñas spielt mit ständigem sanftmütigen Lächeln und leichter Naivität, sie bekommt außerdem die berührendste Szene des Films, wenn sie sich zu ihrer lange vermissten und nun als Geist bei ihr aufgenommenen Mutter ins Bett legt, ihr Glaube an die Erscheinung nie ein mit Vernunft hinterfragter, sondern vom Wollen und Wünschen geleiteter ist. Mit fast schon greifbarer Herzensgüte gibt Maura die Mama, der eine letzte, reinigende Versöhnung mit ihren Töchtern gegönnt werden soll. Portillo, Cobo und Lampreave gehen neben dem überragenden Mutter-Töchter-Trio keineswegs unter, sondern sie tragen alle mit ihren gewissen Momenten und Motiven zu Volver bei. Für die Männer gibt es hier hingegen nicht viel zu holen oder beizutragen, nicht für Antonio de la Torre als Paco und nicht für Leandro Rivera, der als Mitglied des Filmteams Gefallen an Raimundas Reizen findet. Pedro Almodóvars Volver ist eine Geschichte über die Weiblichkeit, den Tod und den Wind, vor allem aber auch über das Leben und jene, die Zurückbleiben. Die zweifeln, hoffen, lügen, trauern, fürchten, die weitermachen und für die ein einzelner Schritt zurück letztlich doch wíchtiger ist, als jeder nach vorne getane.
Wertung & Fazit
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