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Review: ZERRISSENE UMARMUNGEN



Daten/Zahlen


ZERRISSENE UMARMUNGEN
(OT: Los abrazos rotos)
Genre: Melodram
Freigegeben ab: 12
Jahr: 2009
Länge: ca. 121 Min.
dt. Kinostart: 6.08.2009
US Kinostart: 20.11.2009


Budget: unbk.

Box Office: 30,9 Mil.

(USA: 5,0 Mil. / weltweit: 25,9 Mil.)
Bestenliste: 122 (weltweit 2009)

 

Cast & Crew


Regie:
Pedro Almodóvar

Cast:
Penélope Cruz
Lluís Homar
Blanca Portillo
José Luis Gómez
Rubén Ochandiano
Tamar Novas
Ángela Molina
Lola Dueñas

Drehbuch:
Pedro Almodóvar

Kamera:
Rodrigo Prieto

Schnitt:
José Salcedo

Musik:
Alberto Iglesias

 
 

Der Film

Der erblindete Drehbuchautor und ehemalige Regisseur Mateo Blanco, der mittlerweile unter seinem Pseudonym Harry Caine arbeitet und lebt, erfährt aus der Zeitung vom Tod des Geschäftsmannes und Millionärs Ernesto Martel. Als sein Zögling und Co-Autor Diego nach einem Drogenunfall aus einem kurzzeitigen Koma erwacht beginnt Mateo ihm eine Geschichte zu erzählen, die vor vierzehn Jahren bei einem Filmdreh begann: die bildhübsche Magdalena erscheint zum Casting, sie ist die Geliebte des viele Jahre älteren Martels, der, um Magdalena zu überwachen, die Produktion von Chicas y Maletas übernimmt und seinen Sohn die Dreharbeiten dokumentieren und seine Geliebte beobachten lässt. Trotzdem beginnen Mateo und Lena eine leidenschaftliche Affäre…

Es fällt ihm so leicht, wie es ihm nichts bedeutet: von einer jungen hübschen Blondine lässt sich Harry Caine aus der Zeitung vorlesen, erfährt vom Tod Ernesto Martels, dann bittet er sie, sich zu beschreiben. Ihre Haare, ihre Augen, ihre Kleidung. Dann beginnt Harry zu ertasten, was er nicht mehr sehen kann. Ihre Haare, ihre Augen, ihre Haut, ihre Brüste, sie küssen sich, schlafen miteinander. Kurz danach, sie ist noch nicht einmal aus der Dusche zurück, erzählt Harry seiner nach dem rechten sehenden Produktionsleiterin Judit, die Frau habe ihm über die Straße geholfen. Sie ist keine Freundin, nicht mal eine Bekannte, sie ist eine Fremde, mit der Harry nur einen kurzen Moment der Vertrautheit teilt oder noch nicht einmal das. Das Hoffen auf ein baldiges Wiedersehen ist nicht mehr, als hohl dahingesagt. Natürlich hat dieser Mann eine Vergangenheit, das zeigt die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit seiner Verführung, aber auch deren Bedeutungslosigkeit. Alles, was möglich ist, ist ihm passiert, meint Harry. Was jetzt bleibt, ist das Leben zu genießen.

Natürlich hat dieser erblindete Autor, dieser Mateo Blanco, dem ein Leben allein nicht reichte und der daher den Abenteurer Harry Caine als ein anderes, ein zweites Selbst erschuf, natürlich hat dieser Mann eine Vergangenheit in Pedro Almodóvars Zerrissene Umarmungen. Der spanische Autorenfilmer schafft einen Berufskollegen, dessen Aufgabe es ebenfalls war, zu sehen, durch die Kamera zu blicken und zu entdecken, dem die Fähigkeit dazu genommen wurde und für den seine Filme nun dort passieren und enden, wo sie auch beginnen. Auf dem Papier und in seinen Gedanken, vor dem inneren Auge. Doch das ist nicht alles. Zerrissene Umarmungen ist nicht zuvorderst oder auch überhaupt nicht die Geschichte eines Verzagten, Entwirklichten oder gar Verzweifelten. Mit der Unterstützung von Diego, Judits Sohn, geht Harry weiterhin enthusiastischen und ambitionierten Projekten nach, das »alles«, das ihm passiert ist, meint noch etwas anderes. Was bedeutet für ihn der Tod des schwerreichen Unternehmers Ernesto Martel…

…der vierzehn Jahre vorher von seiner Sekretärin Lena um einen freien Nachmittag gebeten wird. Ihr krebskranker Vater wird aus dem Krankenhaus entlassen. Später kommt Lena nach Hause, das Geld ist knapp und sie ruft die Vermittlerin Madame Mylène an, nennt sich Séverine und bittet darum, für baldmöglichst einen Freier vermittelt zu bekommen. Doch ausgerechnet Martel zeigt an ihren Diensten Interesse, ist hinter die Not und die Lösungsversuche seiner Sekretärin gekommen. Lena lehnt ab, als Martel ihren Vater allerdings in eine Privatklinik einweisen und auf seine Kosten behandeln lässt erkauft er sich ihre Liebe auf andere Weise. Für ihn, den zweimal geschiedenen reichen alten Mann ist es eine Besessenheit, für seine junge Geliebte ist es eine Möglichkeit. Zu Martels Missfallen nimmt sie am Casting zu Chicas y Maletas teil, trifft den verehrten Regisseur Mateo Blanco – und raubt ihm den Atem. Zwischen ihm und Lena entbrennt wahre Leidenschaft, eine von Martels Sohn durch seine Kamera begaffte, eine ob der schlechten Tonqualität des aufgenommenen Materials von einer Lippenleserin für Martel nüchtern synchronisierten. Doch wie weit darf Mateos und Lenas Liebe reichen, wo doch Martel ihren Film produziert, und was ist dieser aus Eifersucht und Obsession bereit zu tun?

Es ist bloß ein Kratzen an der Oberfläche von Zerrissene Umarmungen, wenn man den Blick auf seine drei Hauptfiguren richtet. Ihre auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte über die Wirren von Leiden und Leidenschaften, Eifer und Eifersucht, Liebe und Liebenden verstrickt und verästelt sich mit jeder Tat, jeder Aktion weiter, grenzen in ihren starken, anziehenden und gegensätzlichen Gefühlen jedoch nicht jene der Menschen um sie herum aus, sondern berühren sie ebenso direkt. Da sind neben der entzückenden Lena, dem verzückten Mateo und dem bedrückten Martel auch noch die Verbitterung Judits, die gerne mehr als nur Mateos Produktionen leiten würde, da ist die Ablehnung des Vaters Ernesto Martel, mit der er seinem homosexuellen Sohn Ernesto Jr. begegnet, da ist dessen Wille zur späten Rache am Vater, da ist eine Menge Schuld und Schuldigkeit, Leidenschaft und Verachtung, Empfindung und Missachtung. Unübersichtlich, ein Aufmerksamkeitserzwinger hätte Zerrissene Umarmungen werden können, ein lebensfremdes Stück schwerer Gedanken, eine reine Konstruktion dramatischer Ereignisse und Schicksale. Unter Almodóvars Hand hingegen gerät der Film filigran, wieviele Genrereferenzen und Zitate der Regisseur auch einbringt, wieviel Zeit er sich anfangs auch lässt, um die beiden Zeitebenen zueinander zu führen und wie hart er die Konsequenzen und die Katharsis gen Ende auch arrangiert, bei Zerrissene Umarmungen vernimmt man stets die sanfte Einflüsterung Almodóvars an den Zuschauer, sich einfach zurückzulehnen, zu genießen, sentarse y disfrutar.

Dazu lädt auch die Leistung seines Ensembles ein. Weniger als noch in ihrer vorangegangenen Zusammenarbeit Volver (2006) liegt Almodóvars Fokus dabei diesmal auf seiner Muse Penélope Cruz. Sicher ergötzen sich er und Kameramann José Luis Alcaine auch dieses mal an ihrem Körper, ihrem Aussehen, ihren blanken Brüsten und natürlich nicht zuletzt an ihrem Schauspiel, denn letzteres ist auch in Zerrissene Umarmungen wieder feingliedrig und facettenreich. Deutlicher im Vordergrund agiert jedoch ein großartiger Lluís Homar als Mateo/Harry, der eine unglaubliche präzise und gezielte Ruhe einbringt, die er oft nur um Nuancen verschieben muss, um seinem Charakter in der Verknüpfung mit Almodóvars Buch eine tief verwurzelte Emotionalität mitzugeben, die gänzlich an dem vorbei- und über das hinausgeht, was üblicherweise mit vom Schicksal und unglücklicher Liebe gebeutelten Charakteren gemacht wird. Homar verbirgt viel von Mateos Schmerz, um so deutlicher und prägnanter sind seine Reaktionen, wenn er sich für eine neue Drehbuchidee begeistert, deren Verwirklichung er visuell nie erleben wird, oder wenn er auf die tragischen Ereignisse zurückblickt, in die die Liaison mit Lena letztlich münden. Wunderbar ist neben ihm auch Blanca Portillo als Judit, ihre ins Verborgene gezwungene, hin und wieder vortretende und zu einer schrecklichen Schuld führende Liebe zu Mateo bringt sie mit aller Zerrissenheit, Verletztheit und Bitterkeit auf den Punkt. José Luis Gómez ist als gehörnter Ernesto Martel ebenfalls immer überzeugend, meist aber ein bißchen eher dramaturgischer Antrieb, denn vielschichtiger Charakter.

Mit eleganter Kameraarbeit inklusive einigen herrlichen Landschaftsaufnahmen Lanzarotes, wohin Mateo und Lena zwischenzeitlich flüchten, sowie tollen und witzigen Einzelmomenten, wie die durch eine Lippenleserin nachsynchronisierten Beweisbänder (hinreißend trocken heruntergeleiert von Lola Dueñas), oder Cruz‘ teilnnahmslose Nicht-Reaktion, als sie Martel nach einem Sexmarathon in totenähnlicher Haltung vorfindet, aber auch in seiner in aller Schönheit inszenierten Gesamtheit ist Zerrissene Umarmungen nach Volver die nächste sich Augen und Ohren anschmiegende Arbeit von Pedro Almodóvar. An manchen Stellen sackt der Film fast schon etwas zu weit in den Sessel der relaxten Bequemlichkeit zurück, hält aber durch die eingebrachten Film Noir-Miomente und einige Geheimnisse innerhalb der Geschichte immer eine gewisse Grundspannung.

Wertung & Fazit

Action
Spannung
Anspruch
Humor
Darsteller
Regie
FAZIT
Das melodramatische Liebes- und Leidensgezänke ist nicht ganz frei von Vorhersehbarkeiten, aber einschmeichelnd inszeniert und wunderbar gespielt.


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Bewerten & Teilen

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  • olli versum

    “Frauen am Rand des Nervenzusammenbruchs” sollte doch in diesem Film gedreht werden, oder? Mir kam das alles so bekannt vor… :)

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Keine Ahnung, da ich den nicht gesehen habe, habe ich auch nix wiedererkannt ;)

      • olli versum

        Dann solltest du das unbedingt nachholen. Pflichtfilm. :)

        • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

          Ja, ich weiß… Bildungslücke europäischer Film, ich altes Hollywood/Mainstream-Kind… ;)

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