Daten/ZahlenDEMOLITION MAN Genre: SciFi-Action Freigegeben ab: 16 Jahr: 1993 Länge: ca. 110 Min. dt. Kinostart: 2.12.1993 US Kinostart: 8.10.1993
Cast & CrewRegie: Marco Brambilla Cast: Drehbuch: Kamera: Schnitt: Musik: |
Der Film
Der 1932 erschienene Roman Brave New World des britischen Schriftstellers Aldous Huxley zieht seine Kreise in der Popkultur, und zwar rund um die naheliegenden, wie auch die unerwarteten Orte: Autor Michel Houellebecq setzt sich in seinem kontrovers diskutierten Elementarteilchen unter anderem mit Huxleys Dystopie auseinander, einer ersten Verfilmung für das Fernsehen folgte eine weitere mit Peter Gallagher, Sally Kirkland und Leonard Nimoy in den Hauptrollen, seit längerem plant Ridley Scott eine Leinwandumsetzung mit Leonardo DiCaprio, es gibt Hörspiele und Bühnenadaptionen des Stoffes, einen gleichnamigen Album- und Songtitel der Heavy-Metal-Band Iron Maiden, die Berliner Band Culcha Candela veröffentliche Album und Single unter dem deutschen Titel Schöne Neue Welt und last but not least findet sich auf dem Debütalbum der Strokes ein Song mit dem Titel Soma, bezugnehmend auf die stimmungsaufhellende Droge, die in Brave New World konsumiert wird. Die motivische Verwandtheit der Geschichte um eine Gesellschaft in der Zukunft, in der Stabilität, Frieden und Freiheit durch staatliche Kontrolle gewährleistet scheinen, vermutet man jedoch wohl am allerwenigsten bei einem Sylvester Stallone-Film, zudem noch einem mit dem Titel Demolition Man. Aber Gemeinsamkeiten sind nicht nur in einigen Rollennamen und Referenzen zu entdecken, es finden sich tatsächlich Ideen Huxleys in dem SciFi-Actioner wieder – der natürlich trotzdem vor allem ein wenig ernst gemeintes fun’n’gun-Spektakel ist und als solches auch ziemlich gut funktioniert.
Detective John Spartan ist der härteste Hund in einem Los Angeles, das im Chaos zu ertrinken droht. Sein erbittertster Gegner ist der hypergefährliche Gangster Simon Phoenix, der einen ganzen Bus voll Geiseln genommen hat. Einzig Spartan traut sich auf Phoenix‘ Terretorium und es gelingt ihm tatsächlich, den Verbrecher zu überwältigen. Allerdings geht dabei ein ganzes Fabrikgebäude zu Bruch und die Geiseln, von denen Phoenix behauptet hatte, sie anderswo festzuhalten, werden tot in den Trümmern gefunden. Spartan wird für sein rücksichtsloses Vorgehen ebenso verurteilt wie sein Erzfeind, beide werden in einem kryogenischen Gefängnis für Jahrzehnte kaltgestellt. Im Jahr 2032, in einer völlig veränderten Gesellschaft, einem futuristischen Garten Eden ohne Kriminalität, wird Phoenix schließlich zwecks möglicher Resozialisierung aufgetaut. Doch der brutale Schwerverbrecher kann fliehen und die Polizei von San Angeles ist nicht im geringsten gegen seine sadistische Gewaltbereitschaft gewappnet. Da kann nur noch einer helfen, nämlich John Spartan, der Demolition Man…
Los Angeles im Jahr 1996, wie man es sich 1993 vorstellte: in den Hollywood Hills brennt der weltberühmte Schriftzug der Traumfabrik, schwere Unruhen, Feuer, Schüsse, Verbrechen auf den Straßen, die kriminellen Warlords regieren die Stadt. »Send a maniac to catch a maniac«, knurrt der angepisste John Spartan und nach einem ersten feurigen Aufeinandertreffen mit Simon Phoenix, während dessen beide ein paar neue Einträger für ihr Oneliner-Poesiealbum verfassen, geht es im CryoPrison ohne viel Wissenschaft und Erklärung, aber mit einer kleinen leuchtend blauen Kugel weiter, die den Gefrierprozess auslöst – herrlich, wie wenig Ansprüche auf Anspruch Marco Brambillas Demolition Man bereits während seiner Pre Credits-Sequenz stellt. Ein knallharter Sylvester Stallone, ein quatschmäuliger Wesley Snipes, fixfäustige auf-die-Fresse-Moves, eine fettleibige Explosion, das wären im raschen Wechsel schon mehr als genug brauchbare Zutaten für einen geniesbaren Actionfilm gewesen.
Mit einem 36 Jahre nach vorne führenden Zeitsprung tritt Demolition Man aber erstmal auf die Bremse und führt ein paar Sequenzen lang die Utopie der friedvollen Gesellschaft ein, in der alle grinsebackig nett zueinander sind, in der die Grünanlagen sprießen und in der nach den Verunstaltungen öffentlicher Gebäude durch ein paar Untergrundrebellen bereits von einem brutalen Morgen die Rede ist. Lieutenant Lenina Huxley ist da mit ihrer Faszination für das vulgäre 20. Jahrhundert die gelangweilte Ausnahme zwischen ihren harmoniefreudigen Copkollegen, nur ein bißchen Action wünscht sie sich. Da kommt ihr Simon Phoenix quasi entgegen, der bei einer Bewährungsanhörung zur Flucht ansetzt, während seines Kälteschlafs mit Informationen und Fähigkeiten versorgt wurde, die ihn noch tödlicher machen und der zum ersten Mal nach zweiundzwanzig Jahren einen Code 187 auslöst, murder death kill. Die Cops sind fassungslos und geschockt ob dieser unerlaubten Lebensabbrüche, schicken Phoenix nach dem nächsten murder death kill eine Einheit hinterher, die mit maximaler Authorität, aber unerfahrenerweise auch mit minimalem Erfolg gegen den Steinzeitverbrecher vorgeht. »We’re police officers! We’re not trained to handle this kind of violence!« meint der entsetzte Rezeptionist Erwin.
Abgesehen von den Snipes’schen Killmoves gefällt Demolition Man in dieser Phase nicht eben durch Action, Spannung und Rasanz, sondern vielmehr durch die ironisch überhöhe Darstellung einer mit kübelweise Weichspüler durchgewalkten Gesellschaft voller Friede, Freude und Harmonie, in die Phoenix wie ein Wildschwein beim Picknick hereinbricht. Darauf baut der Film bis zum Schluss seine Humorebene auf, erst recht, als der verhältnismäßig nicht weniger barbarische John Spartan auf die Bühne der inzwischen puddingzarten Polizeiarbeit zurückkehrt und sich auf dem Klo mit den ominösen drei Muscheln und mit Automaten, die ihn nach dem Gebrauch von Schimpfworten ermahnen, herumschlagen muss. Ganz abgesehen vom völligen Verbot von Genussmitteln wie Alkohol, Zigaretten, Salz und körperlich praktiziertem Sex. Sobald die beiden Höhlenmenschen und Kontrahenten wieder aufgetaut durch San Angeles wüten pegelt natürlich nahezu umgehend auch die Actionanzeige wieder dem Höchstwert entgegen, Spartan und Phoenix ballern sich in einem Museum, in dem der Verbrecher sich die letzten verfügbaren Schusswaffen besorgt, ganz altmodisch die Kugeln um die Ohren.
Die Zukunftsvision von Demolition Man ist im Grunde weder im Detail, noch im Groben eine bis ins letzte Quentchen durchdachte. Wenn davon die Rede ist, dass die Waffenausstellung im Museum die höchste Sicherheitspriorität genießt, es dann aber genügt, einen Angestellten durch eine simple Glasscheibe zu donnern, um an die Waffe zu kommen, oder wenn die einzige Zukunfswaffe über zweieinhalb Minuten des Aufladens bis zur Schussbereitschaft benötigt, dann denkt der Film die Möglichkeiten des Jahres 2032 nicht besonders weit. Sowas fällt immer mal wieder auf, wie auch das Fehlen eines wirklichen großen Neue-Welt-Gefühls, denn dafür mangelt es an ein paar weitläufigeren Panoramen, die darüber einen Überblick gewähren. Aber letztlich fällt das nicht schwer ins Gewicht, da der zitierfreudige Film auch so sehr ordentlich unterhält, gute Actionszenen präsentiert und meistens auch mit seinen Gags richtig liegt. Zwar sitzt längst nicht jeder Oneliner und nicht jede Verwirrung, die der culture clash auslöst, aber wenn der coole Spartan nach einem sexuellen Missverständnis mit Huxley zur Wiedergutmachung einen Pullover strickt, da ihm die Fähigkeiten zu solchen Omatätigkeiten während des Kälteschlafs eingepflanzt wurden, dann ist das ein verdammt guter Gag. Genauso wie die Schwarzenegger Presidential Library, Huxley, die regelmäßig die lässigen Sprüche versaut (»He’s finally matched his meet. You really licked his ass.«), oder ihre Bewunderung für Spartans machomäßiges hero behavior (»The way you paused to make a glib witticism before doing battle…«), über das sich der Film an selber Stelle natürlich auch lustig macht.
Actionikone Sylvester Stallone und die bis dahin annähernd unbekannte Sandra Bullock funktionieren als Team prächtig, wie alle Zukunfsbewohner kann Bullock bisweilen mit der gestelzt-freundlichen Mundart nerven, findet aber die richtige Balance zwischen Aufregung, Komik und einer durchaus gleichberechtigten Stärke, wie sie ein Leinwandhengst wie Stallone nicht oft neben sich zulässt. Stallone selbst ist physisch gewohnterweise voll da, mit dramatischen Charaktermomenten wie dem Verlust seiner Frau und der Ahnungslosigkeit über das Schicksal seiner Tochter muss er sich nicht lange herumschlagen; dass auch er über Talent zum Komischen verfügt blitzt dagegen öfter auf. Wesley Snipes kommt allein vom Styling her schon reichlich überdreht daher, zu seiner blondierten Haarpracht und den verschiedenfarbigen Augen gesellt sich ein ziemlich seltsames Outfit mit Latzhose, orangem Oberteil und später stacheligen Schulter- und Brustpolstern, die aussehen wie aus Schaumstoff. Dazu passt Snipes hibbelige Performance und sein ständiges Gequassel, wirklich bedrohlich wirkt er aber nichtmal unbedingt, wenn er Augäpfel auf Füllhalter aufspiest. Dafür dominiert er Stallone mit seinen MartialArts-Fähigkeiten in den meisten Kampfszenen. Denis Leary und Nigel Hawthorne, die als Untergrundführer, beziehungsweise Vater der Utopie keine unwichtigen Rollen spielen, machen ihre Sache gut, genau wie Benjamin Bratt, Bob Gunton und Bill Cobbs; dass ansonsten prominente Namen wie Jesse Ventura, Rob Schneider oder Jack Black auf der Besetzungsliste stehen macht sich nicht weiter bemerkbar.
Demolition Man taugt von der Kraft seiner Vision her nicht zum zweiten Blade Runner, ist in Sachen Action und Komik kein Lethal Weapon oder Stirb langsam, dennoch erfüllt der SciFi-Actioner jederzeit seinen Zweck. Da steckt kein Tiefsinn hinter, da lässt sich nichts philosophisches ableiten, auch wenn sich teils bei Vorlagen bedient wird, denen man diese Attribute zugestehen kann. Demolition Man ist ein spaßiger Krawallfilm, oft genug mit deutlichem Augenzwinkern vorgetragen und dabei nie zuschauerbeleidigend dumm. Das Duell zwischen Stallone und Snipes steht zwar deutlich im Mittelpunkt, macht aber noch nicht einmal unbedingt den hauptsächlichen Reiz des Films aus (wobei er wohl in jedem Fall davon profitiert, dass nicht die zuerst angedachten Steven Seagal und Jean-Claude Van Damme die Rollen von Spartan und Phoenix übernahmen). Das in der Logik immer mal wieder Lücken klaffen und der Ausblick auf das Jahr 2032 in vielen Punkten kein konsequenter ist macht der Film mit seiner nicht vorhandenen Scheu vorm Trashigen und der ordentlichen Portion Selbstironie annähernd mühelos wett und hält sich somit auch heute noch unter Stallones vergnüglichsten Werken.
|
|
|
|
|
Relevante Themen in ChristiansFoyer |
|
|
Acting Legends: SYLVESTER STALLONE Stars im Portrait: SANDRA BULLOCK |
|
|
Mehr zum Film |
|
|
|
|
Bewerten & Teilen |
|
















