Daten/ZahlenBLACK SWAN Genre: Psycho-Thriller/Horror-Drama Freigegeben ab: 16 Jahr: 2010 Länge: ca. 103 Min. dt. Kinostart: 20.01.2011 US Kinostart: 3.12.2010
Cast & CrewRegie: Darren Aronofsky Cast: Drehbuch: Kamera: Schnitt: Musik: |
Inhalt
Die junge, etwas eingeschüchterte, aber hochbegabte Ballerina Nina Sayers hat einen großen Traum: sie möchte die Doppelrolle des weißen und schwarzen Schwans in der Aufführung von Schwanensee tanzen. Doch nur für einen der beiden Parts ist das fragile Mädchen die Idealbesetzung, den verführerischen schwarzen Schwan traut ihr der Direktor des Ensemble, Thomas Leroy, nicht zu. Dennoch gibt er ihr schließlich die Rolle und versucht, die Leidenschaft in Nina zu wecken, die stets nur um den perfekten Tanz bemüht ist. Ganz anders die impulsive Lily, neu bei der Truppe, weniger verkrampft, tänzerisch nicht ganz so gut, aber mit dem Feuer, das Leroy sich wünscht. Unter den Forderungen des Direktors und der Konkurrenz Lilys steigert sich Nina mit fortschreitender Dauer der Proben immer weiter in einen wahnhaften Zustand, aus dem es nur eine Erlösung geben kann…
Der Film
Ein paranoides Mathematik-Genie, der Niedergang einiger Drogenabhängiger, die Suche nach dem ewigen Leben, der Existenzkampf eines abgehalfterten Ringers – und nun Zickenterror beim Ballett? Klang seltsam, was sich Regisseur Darren Aronofsky da nach seinen gefeierten Werken Pi (1998), Requiem for a Dream (2000), The Fountain (2006) und The Wrestler (2008) vorgenommen hatte, nach etwas, dass man unter dieser Prämisse schlimmstenfalls für eine RomCom mit Jennifer Lopez hätte halten können. Das ist aus Black Swan natürlich bei weitem nicht geworden, der Oscar-Kandidat ist tatsächlich wieder ein ganz typischer Aronofsky. Der kompromisslos abgefilmte physische und psychische Untergang einer labilen Seele, der Weg in den Abgrund eines getriebenen Menschen. Schwere Kost, die, auch üblich bei Aronofsky, keine Umwege geht und die sich nicht dem Anspruch verschreibt, irgendetwas Unterschwelliges an den Zuschauer zu bringen, sondern in aller Frontalität auf ihn zu inszeniert und ihn im Zweifelsfall einfach unter sich begräbt. Kaum jedermanns Sache und bei Black Swan sicher noch ausgeprägter und weniger subtil so umgesetzt, wie bei den vorigen Werken des Regisseurs.
Wer die Geschichte von Schwanensee kennt (und wer sie nicht kennt, der bekommt sie am Anfang des Films erzählt), und/oder geschult im Schaffen Aronofskys ist, für den ist der Ausgang der Geschichte eigentlich klar. Solche Geschichten enden nicht mit Blumenwiesen und Küssen und Umarmungen und es geht Aronofsky auch kein bißchen darum, den Anschein der Möglichkeit zu erwecken. Black Swan ist von Beginn an ein unheilvoller Film, ein dunkler Korridor ohne Exit-Schild und den es hinter sich zu bringen gilt, für die Protagonistin wie für den Zuschauer. Eine Zweckgemeinschaft, die Aronofsky und sein Kameramann Matthew Libatique vor allem wieder durch Unmittelbarkeit erzwingen. Der Weg vom bequemen Kinositz in die Unbehaglichkeit der Realität des Films ist bei Aronofsky ein extrem kurzer, ständig scheint man der eiligen und eifrigen Nina Sayers direkt hinterherzueilen, ihre Pirouetten in entgegengesetzter Richtung mitzudrehen.
Wie bei Randy „The Ram“ Robinson aus The Wrestler, so fühlt man sich auch Nina trotz dieser Methodik nie richtig nah, auch weil beide Geschichten in einem Milieu angesiedelt sind, das für Außenstehende nur die Fassade ist. Beim Wrestling sieht man Showkämpfe, einstudierte Choreographien von tonnenschweren Muskelmännern, beim Ballett sieht man Glitzer und Glanz, einstudierte Choreographien von grazilen Tänzern und Tänzerinnen. Man sieht Schein. Das Leben, die Welt hinter den Choreographien, hinter dem, was von außen perfekt aussehen muss, dahin folgt Aronofsky seinen Figuren und das stets direkt bis zu einem Grad, an dem man sich fragt, wie man so etwas freiwillig auf sich nehmen kann. Blutige Zehen mit gespaltenen Nägeln, knackende Knochen, krampfhaftes Abmagern, eine nur unter und durch Schmerz zu erreichende Körperbeherrschung – und im Falle von Black Swan ein unter den Auswirkungen dieser Last zerbrechender Verstand.
Darren Aronofsky ist kein Regisseur, der seine Schauspieler mit sanfter Hand führt oder zu ihren Figuren hingeleitet. Aronofsky bevorzugt es, seine Schauspieler vor der Kamera zu zerstören, sie in ein blindes Vertrauensverhältnis zu bewegen, um ihm das Abfilmen totaler Selbstaufgabe zu ermöglichen. So handhabte er es mit Jared Leto und Ellen Burstyn bei Requeim for a Dream, mit Mickey Rourke bei The Wrestler und nun auch mit Natalie Portman, der man diesen Akt der Zurschaustellung kaum zugetraut hätte. Doch wie ihre Vorgänger, so opfert auch sie sich komplett dieser Figur und für diese Figur, lässt jedes bißchen Natalie Portman, jedes bißchen Image hinter sich. Portman wird wohl in dieser Award-Season so ziemlich jeden Darstellerinnenpreis abstauben und verdient sich diesen Triumpfzug besonders dadurch, dass man hier eben keine sich quälende Darstellerin mit »I wanted to try something different“-Attitüde wahrnimmt, sondern ausschließlich diese sich quälende Ballerina, aus der sich Dinge hervorzukämpfen versuchen, denen sie nicht gewachsen ist. Das transportiert Portman in jedem Moment, ob von Schmerz oder Zweifeln, sexueller Begierde oder Unterdrückung, unbedingtem Willen und Schatten des Versagens geplagt.
Daneben leisten Vincent Cassel als trizender Direktor, Mila Kunis als heißspornige Lily und Barbara Hershey als Ninas besorgte Mutter im Grunde nur Zuliefererdienste, allerdings verlässliche und hochwertige solche. Gerade Barbara Hershey strahlt etwas derart einschüchterndes aus, dass ihr Anblick und ihre Art immer wieder erschaudern lässt. So oder so ähnlich muss wohl Norman Bates‘ Mama zu Lebzeiten gewesen sein. Kunis liefert in Black Swan bislang klar ihren darstellerischen Karrierehöhepunkt, Cassel trumpft mit gewohnt verschlagenem Charme auf. Doch nicht auf alles kann Black Swan sich so sicher stützen, wie auf seine Darsteller. Das direkte Geradeaus des Darren Aronofsky birgt immer auch die Gefahr, dass mit der Zeit die Wirkung des Films nachlässt, freilich ohne völlig zu verpuffen. Aber die Intensität der ersten zwei Drittel kann Black Swan im letzten Drittel nicht mehr aufrecht erhalten, zumal der fortschreitende Wahnsinn Ninas mit abgedroschenen Mitteln propagiert wird. Sich bewegende Bilder, Spiegelbilder mit Eigenleben und eine Mordszene, deren Konsequenzen an die schwarze Komödie Immer Ärger mit Bernie(1989) denken lässt, hätten auch ausbleiben können. Auch manch kreischender Soundeffekt und die an den entsprechenden Stellen zu dramatischer Lautstärke aufgeblähte Schwanensee-Musik nutzt sich ab und stellt manche Szene unnötig ins Schaufenster.
Black Swan ist ein unangenehmer Film. Kein einziger Moment, in dem er einem nicht Unbehagen bereitet, keiner der kargen, dunklen, kalten Schauplätze wirkt auch nur im entferntesten einladend, in keiner Sekunde fühlt man sich beim Anblick dieses Films wohl. Aronofsky inszeniert einen düsteren Alptraum, erlebt durch die Augen eines anderen Menschen und erst gegen Ende, wenn seine Schockeffekte allzu plakativ werden, wird man aus dessen Tiefen heraufgezehrt und es beginnen einem die Augenlider zu flattern. Dann häufen sich die Momente, die sich anfühlen wie kurz vorm Aufwachen, die einen daran zu erinnern beginnen, dass alles nur ein Traum ist und in denen die Illusion des Films nicht aufrecht erhalten werden kann. Und wenn man schließlich vom tosenden Applaus des Abspanns entgültig aufgeweckt wird ist man froh, Black Swan hinter sich zu haben. Vorläufig zumindest. Denn Eindruck hinterlässt der schwarze Schwan. Vor allem, da Darren Aronofsky, seien seine Methoden teils platt und offensichtlich wie sie wollen, eine elementare Sache bedenkt, die das Horror-Genre (auch wenn der Film diesem natürlich nicht zuvorderst angehört) vor lauter Folterei und „alles muss gezeigt werden“-Mentalität vernachlässigt oder vergessen hat: das, was in den Gedanken des Zuschauers passiert.
Wertung & Fazit
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