Daten/ZahlenSUCKER PUNCH Genre: Fantasy-Action Freigegeben ab: 16 Jahr: 2011 Länge: ca. 109 Min. dt. Kinostart: 31.03.2011 US Kinostart: 25.03.2011
Cast & CrewRegie: Zack Snyder Cast: Drehbuch: Kamera: Schnitt: Musik: |
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Sie dürften wohl die meistdiskutierten Filmemacher mit einigen der meistdiskutierten Filme der vergangenen zehn Jahre sein: der Brite Christopher Nolan und der Amerikaner Zack Snyder. Beide zusammen kommen gerade einmal auf ein Dutzend Produktionen, allerdings waren da derart wegweisende und hochgelobte dabei, dass mittlerweile jedes neue Projekt der Regisseure einen monatelangen Vorlauf absolviert, während dem sich die Fans heiß und hibbelig freuen. Fans ist dabei ein entscheidendes Stichwort, sowohl Nolan als auch Snyder verdanken ihren Status zum größten Anteil Comicverfilmungen und deren Akzeptanz durch eine riesige, oft überkritische Fanbase. Nolans Batman Begins (2005) und vor allem der Nachfolger The Dark Knight (2008) gelten als Genre-Meilensteine, genauso Snyders 300 (2007). Dennoch bleibt ein riesiger Unterschied zwischen den beiden: Nolan stellt eine überwältigende Mehrheit von Fans UND Kritikern gleichermaßen zufrieden, und das längst nicht nur mit Comicfilmen, und gilt spätestens seit Inception als DER Mann für den anspruchsvollen Blockbuster, where style equals substance. Snyder jedoch wird ganz anders betrachtet. Noch vor Kandidaten wie Michael Bay oder Tony Scott gilt er als DER Mann, der seine Geschichten ausschließlich und nur über den Style erzählt bekommt, no substance. Und überhaupt, SEINE Geschichten? Nix da, Dawn of the Dead (2004) ein Remake, 300 und Watchmen (2009) Comicverfilmungen, Die Legende der Wächter (2010) eine Buchadaption. Aber es geht ja noch weiter, Snyders Filme sind nicht nur reine Visual- und Effekte-Spektakel, deren einziger Inhalt, wenn überhaupt vorhanden, sich aus den Vorlagen ableitet und der Unumgänglichkeit, ihn unterbringen zu müssen, nein, Snyder nutzt seine Werke auch stets zur Auslebung ganz eigener Fetische. Demnach ist der Herr Snyder nach vier Filmen ein Zyniker, Rassist, Homophobiker und Faschist. Mindestens.
Und nun kommt er mit Sucker Punch um die Ecke, ein Film, zum ersten Mal nach eigener Idee, nach selbstverfasstem Drehbuch. Und schon schmücken ein paar neue Plaketten den Zack: Antifeminist, Sexist, Frauenfeind. Schämen sollte man sich, wenn man so jemandes Filme auch noch gut findet und wie verrucht muss Hollywood eigentlich sein, dass ein zynischer, rassistsicher, homophober, faschistischer und sexistischer Regisseur überhaupt noch Crew und Cast für seine Filme zusammen bekommt?! ODER: ist’s dann etwa doch alles nicht so schlimm und Snyder nur eine beliebte und kaum zu verfehlende Zielscheibe, ein Typ, der zwar nicht ganz zu Unrecht polarisiert, gerade daraus aber auch einen Reiz bezieht, den seine Filme über das bis ins letzte Detail Durchgestylte hinaus nicht besäßen? Und das im Gegensatz zu manchen anderem spectacle-only Lieferanten? So, nach einer überlangen Einleitung nun aber zu Sucker Punch – der mit dieser anti-knappen Vorrede schon viel mehr Aufmerksamkeit eingestrichen hat, als er verdient.
Inhalt
1955: nach dem Tod ihrer Mutter bleiben zwei junge Schwestern allein mit ihrem jähzornigen Stiefvater zurück. Als die beiden sich gegen einen Übergriff zu wehren versuchen erschießt die ältere versehentlich die jüngere, was der Stiefvater nutzt, um die zwanzigjährige in das Lennox House for the Mentally Insane einliefern zu lassen. Dort soll sie in fünf Tagen lobotomisiert werden. Doch bis es soweit ist, fasst das Mädchen einen gewagten Fluchtplan, der in ihrer Phantasie Gestalt annimmt: darin wird aus der Irrenanstalt ein Edelbordell und aus dem namenlosen Mädchen die Tänzerin Babydoll, die mit ihren Bewegungskünsten jeden in ihren Bann schlägt. Während ihrer betörenden Tänze öffnen sich für Babydoll weitere Ebenen der Phantasie, auf denen sie und ihre Mitinsassinen Amber, Blondie und die Schwestern Rocket und Sweet Pea versuchen müssen, an vier Gegenstände zu gelangen, die ihnen letztlich zur Flucht verhelfen sollen. Stellvertretend für die Ereignisse in der Realität und dem von Babydoll erträumten Bordell stellen sich ihnen dabei allehand Gegner in den Weg, von WWI-Zombiesoldaten, über Orks und riesige Drachen, bis hin zu Robotern…
Der Film
Sounds like the greatest piece of freakshit you’ve ever witnessed und das sogar schon ohne das in der Inhaltsangabe annähernd sämtliches abgedeckt wäre, was Zack Snyder da an Abstrusigkeiten in seinen produced, written and directed by himself Sucker Punch gepackt hat. Der Film ist eine völlig wahnsinnig gewordene Ansammlung aus Zitaten und Referenzen an filmische, Comic-, musikalische, Videospiel- und alle möglichen weiteren Vorbilder Snyders, Einer flog über das Kuckucksnest meets Im Westen nichts Neues versus Killzone featuring Burlesque against Der Herr der Ringe teaming up with I, Robot, ein Comicgameexploitationrevengewarfantasytrashfest, das eigentlich nur für die Anhänger seiner diversen Vorlagen und Inspirationslieferanten funktionieren kann und für jeden anderen zwangsläufig versagen muss. Der totale Nerdfilm, den Snyder aus seinen Erfahrungen im Kosmos der Fans und Freaks folgerichtig daraus abzuleiten meint? In gewisser Weise gar eine Abrechnung mit der Nerdkultur, ihrem eskapistischen Wesen, ihrer Materieidiotie, ihres durch kultisch verehrte Ausgüsse der Film-, Musik- und Gameindustrie geschaffenen Weltbilds, ihrer Eigen- und Fremdwahrnehmung? Whatever. Selbst wenn Snyder das alles, noch viel mehr, ganz anderes oder nichts davon oder überhaupt nichts mit Sucker Punch im Sinn gehabt hat und egal, wie er selbst zu seinem Film Stellung bezieht: der bleibt am Ende nur eine erektil dysfunktionale Ansammlung aus Zitaten und Referenzen, die alles bedient, was man ihr vorwerfen und zugute halten kann und genau deshalb einfach nur uninteressant ist.
Dabei fängt Sucker Punch richtig stark an. Die bis auf wenige und nicht besonders hinhörenswerte Off-Kommentare stumme Eröffnungsszene, die Hauptdarstellerin Emily Browning mit ihrer hingegen hörenswerten Version des ewigen Eurythmics-Klassikers Sweet Dreams begleitet, leitet den Film, der durchaus passenderweise mit einem sich hebenden Vorhang beginnt, ziemlich großartig ein. Snyder hat hier vielleicht sogar seine besten sechs Minuten, die Szenerie ist düster, Babydolls Geschichte ebenso, dazu Brownings fast geisterhaft gesäuselter Gesang und einige schreckliche Ereignisse, die den Film in Gang bringen und die tatsächlich noch nicht völlig hinter dem hier auch schon vorhandenen Style-Bewusstsein von Sucker Punch zurücktreten müssen. Ihre, wie man vermuten muss, beschützende Mutter stirbt, zwei Mädchen bleiben allein der Obhut eines abstoßenden Stiefvaters überlassen, wehren sich und eine der beiden vergrößert das Unheil nur. Das hat, obwohl es sich platter Mechanismen bedient, Tragik, das hat Emotion, das hat eine Wucht, die später keine der Actionszenen erreichen wird. Das hat mit den sich auf einer Autoscheibe sammelnden Regentropfen eine geniale Titeleinblendung – und sobald diese sich im peitschenden Unwetter wieder aufgelöst hat nicht mehr viel vom genannten.
Mit der Ankunft in der Irrenanstalt verabschiedet sich Sucker Punch von jedem bißchen Anspruch an einen realistischen Film, was ja völlig egal und erwartet wäre, würde er sich nicht im gleichen Zuge dafür entscheiden, auch kein guter Film mehr zu sein. Mit dem Übertritt auf die erste Ebene der Phantasie Babydolls fällt das noch nicht auf, auch nicht, als Babydoll zu tanzen beginnt und plötzlich im feudalen Japan einem Weisen begegnet, der ihr den Weg weist und Waffen aushändigt, mit denen sie anschließend gegen drei riesige Samurai-Dämonen antritt. Hier macht der Film seinem Titel noch alle Ehre, Sucker Punch, ein unerwarteter Schlag in die Fresse, mit dem man von einem Szenario ins nächste gedroschen wird. Nicht besonders elegant, aber elegant sind Schläge in die Fresse halt nicht. Im Zweifelsfall aber eben auch nicht besonders nachhaltig. So ein Schlag überrascht einen einmal, allerhöchstens zweimal, dann weiß man, womit man es zu tun hat und beginnt sich zu wehren. Zum Beispiel dagegen, dass der Film meint, von der anfänglichen Irrenanstalt genug gezeigt zu haben, um deren Schrecken begreiflich zu machen, vor dem zwar Babydoll aufgrund der nahenden Lobotomie gerechtfertigterweise, ihre vier Mitstreiterinnen aber scheinbar motivationslos flüchten. Dagegen, dass der Film glaubt, er bekäme die erste geschickt auf die zweite Ebene metaphorisiert, dafür aber weder genügend, noch gute Anknüpfpunkte oder Gegensätze setzt, sondern die Figuren nur zum plumpen Equivalent ihrer Realität macht und diese Ebene somit überflüssig wird: auch wenn die Mädchen von Insassinen zu Tänzerinnen werden bestimmen sie sich dadurch nicht mehr selbst, bleiben fremdregierte Opfer und sofern Snyder im Bordell-Setting nicht die ultimativere Erniedrigung im Vergleich zum Anstaltsleben sieht hätte er es sich sparen können.
Zumal es auch keinen Umweg um die Annahme oder gar die Gewissheit gibt, dass wenn Snyder seine Heldinnen in der Anstalt als das was sie dort sind und nicht das, als was Babydoll sie sich anderswo erträumt, gezeigt hätte, diese Damen tatsächlich und ohne viel Aufwand einen Charakter hätten mitbekommen können. Der Vorwurf des Sexismus, der aufkommt, indem Sucker Punch seine Amazonen in knappen Fetisch-Outfits und –Posen, aber absolut persönlichkeitsfrei inszeniert, ließe sich genauso an jede mit spärlicher Mode bekleidete Schaufensterpuppe richten, die, würde man sie in Bewegung versetzen, ungefähr dem Seherlebnis des Films gleichkäme. Es ist aber gar nicht dieser überdimensionierte Vorwurf des Antifeminismus, der Sucker Punch für viel wichtiger erklären würde, als irgendetwas an diesem Film ist. Es bleibt einfach nur der über keinen Zentimeter Zelluloid des Films hinaus bedeutende Vorwurf, dass vollkommen nichtssagende Figuren keinen Film tragen. Auch keinen, der nur bis zum Bersten gefülltes Zitateactionkrachervisuallyoverwhelmingspektakel sein will. Und dabei geht es nicht um Vielschichtig- oder Tiefgründigkeit, sondern einfach nur darum, seinen Figuren einen einzigen Anhaltspunkt zu geben, wegen dem sie mehr als nur da sind. Besonders die von Vanessa Hudgens und Jamie Chung verkörperten (nie passte dieser Begriff besser) Blondie und Amber bleiben ohne jeden Widerhall, während sich in der Schwesternbeziehung von Jena Malones Rocket und Abbie Cornishs Sweet Pea wenigstens noch ein Teil der Tragik von Emily Brownings Babydoll spiegeln ließe. Wenn Snyder wert darauf gelegt hätte.
Wenn Sucker Punch dann im letzten Drittel die Fantasy-Ausbrüche mit dem Realitätskerker zu koppeln versucht sollen einen die Damen plötzlich viel zu sehr interessieren, als dass man Snyder mit dem Argument, dass es ihm nur um Entertainement geht und die Figuren nicht so wichtig sind, davonkommen lassen könnte. Das funktioniert nicht für Sucker Punch und nicht mal generell für seinen Macher. Von 300 etwa kann man halten was man will, aber Gerard Butlers Leonidas besaß zumindest in seiner martialischen Ausstrahlung etwas, das den fünf wilden Fighter Furien fehlt: genug (Innen)Leben, um dem Tod zu trotzen. Das hielt 300 bei bekanntem Ausgang spannend, das machte Leonidas‘ letzte Worte zu seinen entscheidenden. Derartige Momente erreicht Sucker Punch nach den ersten Minuten nicht mehr, deren Auswirkungen zudem, abgesehen von der nahenden Lobotomie, für Babydoll bei allem tragischen Einschnitt in ihr junges Leben keinerlei Bedeutung mehr zu haben scheinen, da sich erst ganz spät am Schluss wieder darauf bezogen wird und ihre „das Ziel ist der Weg“-Reise bis dahin nichts damit zu tun hat.
Selbige allerdings präsentiert sich immerhin genau so, wie man Sucker Punch erwartet hat: abgefahren, trotz aller deutlicher Vorbilder visuell eigenständig und klotzend bis zum geht nicht mehr. Da liefert Snyder vier tolle Musterbeispiele in Sachen Kampfchoreographie und Schauwertbombast. Und wie sich seine Schauspielerinnen durch die Gegnerhorden aus Zombiesoldaten, Orks und Robotern metzeln und prügeln, das ist in seiner Anordnung zwar absolut austauschbar, aber trotzdem immer mal wieder atemberaubend anzusehen. Besonders Browning, Corninsh und Malone starten ein paar krasse Einlagen und wer ansonsten etwas an der Optik und den Reizen der femme brutales findet – warum nicht? Sit back, relax, don’t ask for more, enjoy the show. Ob nun das Wegschnetzeln solcherlei Gestalten in dererlei Umgebung der eindringliche Schlag der klein gehaltenen Frau gegen die Unterdrückung durch ihre Peiniger ist, ob so die Ausgeburten des Geistes einer Traumatisierten ausschauen, ob die pure Videospielästhetik ein logischer Umkehrschluss zu immer cineastischer erzählten Games ist – das sind alles Gedanken, die man sich während dieser ausgewalzten Sequenzen nicht macht, die sich aber immer wieder aufdrängen, wenn der Film in den Ruhephasen dazwischen zum Abschweifen einlädt. Seinen Soundtrack indes lobt Snyder nicht ganz unberechtigt, der schrammelt zwar an einigen Stellen viel zu overblown drauflos, aber Brownings bereits erwähntes Sweet Dreams, Björks Army of Me-Remix oder Emilíana Torrinis White Rabbit-Interpretation bleiben länger im Ohr, als der Film im Gedächtnis.
Sucker Punch ist ein Film, der eigentlich nur eines nachvollziehbar macht: wie es möglich ist, dass ihm vom vollständigen, teils gehässigen Verriss, über die desinteressierte „mir doch egal“-Haltung, bis hin zur preisenden Lobeshymne alles begegnet. In allem, was diesen Film an Stärken und Schwächen ausmacht diktiert er einem geradezu Wort für Wort, wie man ihn zu finden hat, je nach dem, wo man seine persönlichen Vorlieben, Abneigungen und Erwartungen an einen Film setzt. Sucker Punch liefert genau das, was die Snyder-Hater hassen, was den Snyder-Fans gefällt und was den Zack-who?‘s egal ist und dafür hätte es ihn gar nicht veröffentlicht gebraucht. Wie aus vielen anderen Gründen nicht. Denn nur um nun auf beiden Seiten überzogene und vorgefasste Meinungen und Aussagen zu provozieren und Argumentationskriege mit rostigen Waffen anzuzetteln, bei denen sich immer fleißig im Kreis und um sich selbst gedreht wird – nein, dafür muss es keine Filme geben. Oder wenigstens nicht noch diesen einen mehr.
Wertung & Fazit
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