Daten/ZahlenFAST & FURIOUS FIVE (OT: Fast Five) Genre: Action Freigegeben ab: 12 Jahr: 2011 Länge: ca. 130 Min. dt. Kinostart: 28.04.2011 US Kinostart: 29.04.2011
Cast & CrewRegie: Justin Lin Cast: Drehbuch: Kamera: Schnitt: Musik: |
Erfolgsrezepte sind oft simpel und werden nicht eben komplizierter, je länger eine Filmserie wird. Horror-Franchises häufen Sequels im zweistelligen Bereich an, ohne an ihren Gerüsten zu rütteln und auch Actionfilme präsentieren sich nicht mehr besonders variantenreich, sobald die Formel zum (Kassen)Glück erstmal steht und sich über ein, zwei Teile etabliert hat. So auch gesehen bei The Fast and the Furious: war die denkbar simple Mischung aus aufgepimpten Karren, harten Kerlen, schnellen Rennen und heißen Babes im Jahr 2001 noch ein Überraschungshit, so wurde der Nachfolger, 2 Fast 2 Furious, bereits zum kalkulierten solchen. Die typischen Schein-»something different«-Manöver fuhr indes der dritte Teil, Tokyo Drift, auf; das Seriendebüt von Regisseur Justin Lin kam mit neuem Hauptdarsteller, einem Kontinentwechsel und statt Viertelmeilenrennen wurde gedriftet. Doch im Verhältnis der Reihe enttäuschten die Zahlen und The Fast and the Furious schien auf dem Rückweg in die Garage. Statt nun aber an der gebräuchlichen Erfolgsformel festzuhalten, immerhin noch für einträgliche Kassenergebnisse gut, entschied man sich für einen anderen Schritt: mit Fast and Furious wurden nicht nur aus Hauptwörtern Verben, sondern auch die Schwerpunkte verlagert und Altgewohntes nur noch als das der Serie verpflichtet Nötigste eingebracht. Gute Entscheidung, mit der Lin an den ersten Teil anknüpfen konnte. Wie gut diese Entscheidung wirklich war zeigt allerdings erst jetzt der mittlerweile fünfte Teil, Fast & Furious Five. (Mehr zu den Vorgängern, den Stars und Charakteren gibt es hier in der Franchise History).
Inhalt
Nach Fast and Furious: nachdem sie Dominic Toretto in einer waghalsigen Aktion vor dem Knast bewahrt haben, sind der Ex-Cop Brian O’Connor und Doms Schwester Mia in Rio de Janeiro untergetaucht. In ständiger Flucht vor den Behörden sind ihre Mittel nahezu erschöpft und als bei einem vermeintlich einfachen Job alles schief geht verschlechtert sich ihre Lage weiter: Dom, Brain und Mia wird nicht nur die Ermordung dreier Bundesagenten angelastet, sie sind plötzlich auch im Besitz heißer Daten des korrupten brasiliansichen Geschäftsmannes Hernan Reyes, der ganz Rio kontrolliert und quer über die Stadt verteilt ein Vermögen von 100 Millionen Dollar lagert. Um endlich ihrem Leben auf der Flucht zu entkommen fassen die drei einen wahnsinnigen Plan. Gemeinsam mit einem Team alter Weggefährten wollen sie Reyes bis auf den letzten Schein ausnehmen. Doch die Situation verschärft sich weiter, als Reyes sein Vermögen an einem bestens gesicherten Ort bunkert und sich außerdem der knüppelharte DSS Agent Luke Hobbs an die Fersen der Raser heftet…
Der Film
Für Pimps, Poser und Neonleuchten ist kein Platz mehr: nachdem sich schon Fast and Furious ein gutes Stück weit von der Streetracing-Szene entkoppel hat setzt Fast & Furious Five diesen Weg konsequent fort. Die Ereignisse der Vorgänger, zumindest des ersten und vierten Teils, haben die Protagonisten in eine nahezu aussichtslose Lage gebracht, das Risiko ist unermesslich gestiegen, hier stehen keine Bestzeiten über eine Viertelmeile mehr im Vordergrund und hier geht es nicht mehr darum, im rechten Moment irgendwelche Turbo Boost-Knöpfchen zu drücken. Fast & Furious Five ist in den ersten Minuten nach seiner spektakulären Gefängnistransporter-Crash-Eröffnung von einer Schwere, die man der Serie und den Charakteren während ihrer Anfänge nicht zu stemmen zugetraut hätte. Der Exploitation-Charme des Erstlings weicht einer sehr viel härteren Gangart, ohne in dieser Neuauslegung oder Andersgewichtung unzugehörig zu wirken.
Denn so wenig die Themen an der Oberfläche in ihrer Ausprägung oder überhaupt noch die selben sind, so wenig haben Justin Lin, Drehbuchautor Chris Morgan und die Darsteller den Kern der Reihe aus den Augen verloren. Vor lauter aufgemotzen Karossen, knapp bekleideten Tussen und archetypischen Kraftmackern kann man es zugegebermaßen leicht übersehen (in den Teilen zwei und drei fehlt es zudem von sich aus), doch das Zentrum der The Fast and the Furious-Reihe sind Begriffe und Werte wie Familie, Zu- und Zusammengehörigkeit, Loyalität und der Wunsch, frei zu leben. Und auch wenn diese Themen mit Kriminalität synchronisiert werden, so sind sie in ihrer Stärke doch eine nachvollziehbare Motivation und obwohl die Charaktere der flüchtigen Raser beileibe nicht tiefgründig oder vielschichtig sind: sie sind eben auch nicht egal. Die Betonung der genannten Dinge und das die Figuren von allen und vor allem dem Wunsch nach Freiheit zu Anfang von Fast & Furious Five so weit entfernt sind, wie noch nie zuvor, sorgt letztlich dafür, dass der Film über alle seine weiteren Stärken derart herausragend gut funktioniert.
An oberster Stelle zu erwartender Stärke stand von Anfang an kein geheimnisumwitterter Faktor: die Action. Daran hat es der Reihe nie gemangelt, was allerdings Fast & Furious Five in diesem Bereich auffährt lässt sich nur so beschreiben: überragend. Und das nicht bloß im Rahmen der bisherigen Teile, sondern generell. Eine ganz laute und nachhallende Erwähnung ist es dabei wert, dass Justin Lin dem Franchise komplett den überflüssigen CGI-Schnickschnack ausgetrieben hat. Nur in ganz wenigen Szenen wird offensichtlich digital getrickst, ansonsten regiert der gute alte praktische Stunt und dessen Wert weiß wohl jeder zu schätzen, der sich in den vielen künstlichen Effektschlachten der letzten Leinwandjahre nicht wirklich wohl gefühlt hat. Fast & Furious Five ist da ganz anders, die erste richtig große Actionszene, in der Dom, Brian und Mia gemeinsam mit ein paar zwielichtigen Gestalten beschlagnahmte Wagen aus einem fahrenden Zug zu entführen versuchen, könnte man fast zum Referenzwerk erklären, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, warum der reale dem digitalen Effekt immer überlegen sein wird. Das ist eine dynamische, druckvolle, originelle, in einem Wort phantastische Sequenz, Stuntkino nahe der Perfektion.
Es ist ein schlauer Zug Justin Lins, diese Szene für lange Zeit nicht überbieten zu wollen und statt einen »Wumms!« an den nächsten zu klatschen lieber jene Idee voran zu treiben, die auf dem Papier gar nicht so gut klang: dass sich in Fast & Furious Five ein All Star Cast aus den vorangegangenen Filmen versammelt hätte angesichts dessen, dass einige Figuren bisher überhaupt nichts oder eher schlechtes beigetragen haben, böse nach hinten losgehen können. Tyrese Gibson und Ludacris zum Beispiel, die in 2 Fast 2 Furious noch nervten bis zum Abwinken, oder Don Omar und Tego Calderon… wer? Genau. Umso erfreulicher, dass die Zusammenkunft für Fast & Furious Five zu genau dem Coup wird, als den die Macher ihn im Sinn hatten. Mit dem Angehen des Plans zur Erbeutung der 100 Millionen ändert sich die komplette Stimmung des Films, die Protagonisten ziehen sich selbst aus ihrer aussichtlosen Lage und aus der Enge, obwohl die Gefahr weiterhin von allen Seiten droht treibt es sie voran, ein neues Ziel gefunden, einen Ausweg markiert zu haben. Gibson und Ludacris hauen sich die Sprüche um die Ohren, Don Omar und Tego Calderon… wer? Genau die! liefern einen gelungenen Running Gag und Fast & Furious Five wird mit seiner light Version eines Beutezugs der Ocean’s-Bande zum puren Unterhaltungsknüller.
Dabei klappt es tatsächlich vorzüglich, dem bislang so übermächtigen Franchise-Dominator Vin Diesel die Last von den Schultern zu nehmen, auch diesen Film wieder allein durch seine Präsenz tragen zu müssen. Wiederum vergleichbar mit den Ocean’s-Filmen bekommt jedes Teammitglied seinen Moment und das hier natürlich niemand mit der Star-Power eines George Clooney, Brad Pitt oder Matt Damon aufwarten kann macht Lin mit viel Humor und Selbstironie wieder wett. (Alte) Mechanismen der Serie werden sarkastisch kommentiert und so viel Frische, wie dieser Mittelteil in sein Establishment pumpt, war niemals vorauszuahnen und wurde so wohl auch noch von keinem fünften Teil irgendeiner Serie abgeliefert. Momente mimischer Überwältigung sucht man dabei sicherlich vergebens und die Darsteller dürfen höchstens bei den Kids Choice- oder MTV Movie-Awards auf Auszeichnungen hoffen, aber ihnen gelingt es, Typen zu schaffen und bei dieser großen Revival-Show nicht bloß ihrer Anwesenheitspflicht nachzugehen. Gewohnheitsmäßig kommen die Damen ein bißchen kürzer, Jordana Brewster und besonders die dürre Gal Gadot bleiben vorwiegend reizreduziert, darüberhinaus nimmt Brewsters Mia Toretto im Gegensatz zu den anderen Charakten nicht gerade die stringenteste Entwicklung, wenn sie in vorigen Filmen nur als gutes Gewissen, Köchin und Einkaufstütenschlepperin herhält, hier aber auf einmal als Computer-Ass auftrumpft. Auch Neuzugang Elsa Pataky kann als Polizistin mit tragischem Hintergrund Elena Neves nicht viel aus ihrer Rolle machen, insgesamt bemüht sich Fast & Furious Five aber zumindest, seinen weiblichen Figuren einen Schritt in die Mehrdimensionalität zu gönnen.
Den vermisst man auf Schurkenseite weiterhin, eine Schwäche der Serie bleibt es, dass der bad guy, in diesem Fall Joaquim de Almeida als Hernan Reyes, bloß ein Stereotyp mit geringem Wiedererkennungswert und höchstens behaupteter Gefährlichkeit bleibt. Dafür, und das mehr als ausgleichend, weshalb dieser Punkt sich in Fast & Furious Five auch nicht so negativ wie in den Vorgängern bemerkbar macht, setzt ein verdammt dicker Brocken das Highlight auf Antagonisten-Seite: mit Dwayne „don’t call me The Rock The Rock“ Johnson und seinem hammerharten Agent Luke Hobbs wird Diesel endlich ein Gegengewicht geliefert, das dem dicken Vin mehr als nur gewachsen ist. Johnsons out-of-this-world-Erscheinung bildet den perfekten Gegenpart zu Diesels eigener und das Aufeinandertreffen dieser beiden Körpergiganten verläuft entsprechend rabiat und urgewaltig. Das zweite Franchise-Urgeistein, Paul Walker, muss da trotz knackiger Bräune naturgemäß gegen verblassen, aber nichts desto trotz hat auch er diesen leichten Weichbrei-Touch der beiden ersten Teile beeindruckend hinter sich gelassen und teilt hart und effektiv aus. Und was er und Diesel im Showdown mit zwei Flitzern und einem tonnenschweren Safe abziehen – überragend…
Nur wenige kleine Fahrfehler kosten den Joyride letztlich die paar Zehntelsekunden, die ihn von einer Höchstwertung abhalten. Mit Brüchen von Physik- und Logikgesetzen muss man dem fünften (!) Teil von The Fast and the Furious sicher nicht mehr kommen, dass das Team um Dom und Brian, wenngleich unter massivem Fahndungsdruck stehend, vieles reichlich unbehelligt erledigen darf, fällt dann aber doch immer mal wieder auf und stärkt nicht gerade die ohnehin schwache Position des Schurken Reyes. Zudem steckt bei aller sehr begrüßenswerter Entwicklung des Franchise immer noch ein hohes Maß an Proll-Attitüde darin und wer sich damit nicht arrangieren mag oder den eskapistischen Wert dieses Gestus nicht für sich entdeckt, der dürfte sicher mehr Spaß daran haben, einen halben Tag im Stau zu stehen, als sich diesen Film anzugucken. Die herausragende in-den-Sitz-Presser-Action und das bestens aufgelegte Ensemble halten aber dennoch die Spur, unterstützt von einem absolut hörenswerten Score Brian Tylers, der, nebst den üblichen wummernden Hip Hop Tracks, nicht nur die Action erstklassig vorwärts peitscht, sondern auch die ruhigen Momente unterstützt wo er nur kann und manches Schauspieltalent allein möglicherweise zu klein gewesen wäre. Und nochmals aller Respekt für Justin Lin und seinen Ansatz “echter” Arbeit. Nachdem der Mann Tokyo Drift zur Aufwärmrunde und Fast and Furious als Qualifying genutzt hat liefert er mit Fast & Furious Five nun einen unangefochtenen Start-Ziel-Sieg.
»Für Fans der Reihe empfehlenswert« wäre wohl das typische Prädikat, das man einem fünften Teil in den TÜV-Bericht schreibt. Das ginge bei Fast & Furious Five aber ungefähr so weit an der Sache vorbei, wie mit einem Rasenmäher über eine Formel 1-Strecke zu tuckern. Natürlich helfen Kenntnis der Vorgänger und der Figuren, um einige »Hä«‘s und »Who’s that again?«‘s zu vermeiden, aber allein der schwankenden Qualität der ersten vier Teile wegen kann sich der Film nicht auf dem »Fans gonna like it«-Argument ausruhen. Das tut er auch nicht, sondern düst mit Vollgas ein paar Meilen weiter. Fast & Furious Five ist nicht (nur) für Fans empfehlenswert, sondern empfehlenswert für Fans überragenden Action- und Unterhaltungskinos. Und jetzt kommt eine Aussage, die man (mich selbst inbegriffen) zu einem Film der The Fast and the Furious-Reihe wohl höchstens von einem Filmkritiker der AUTO BILD erwartet hätte: Fast & Furious Five ist der beste reine Actionfilm (also ohne Comic-, -Komödie, -SciFi oder –Thriller drumrum) der letzten Jahre, vielleicht sogar der letzten paar Dekaden. »And above all else, we never ever let them get into cars.« Nix da, Agent Hobbs. In dieser Form darf der Kinosaal gerne noch mehrmals zum Hubraum umfunktioniert werden.
Wertung & Fazit
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