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| Erwartungen: |
| Selbstzitat aus der Trailer-News von vor anderthalb Jahren: “neben einigen schönen kleinen Momentaufnahmen wird nicht mit Sentimentalitäten bis hin zum Kitsch gespart. Davon abgesehen überzeugt die Besetzung (zumindest durch Namen). Gerade der sich selbst an ein paar zu viele Over the Top-Performances verschwendende Samuel L. Jackson darf’s gerne mal wieder etwas bodenständiger machen”. Das entsprach den Erwartungen: gute Schauspieler, kitschig möglicherweise. Ein wenig lockerer hatte ich mir den Film außerdem vorgestellt. |
| MITTEL |
| Umstände: |
Die Sichtung in ziemlich unentspanntem Zustand gestartet, anfangs mit ein paar Unterbrechungen (Dank an Frau, Kind und ein paar Erkältungsanzeichen… ), später aber voll bei der Sache. |
| OHNE EINFLUSS |
| Bilder:: |
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| IN ZAHLEN
Jahr: 2009
Länge: ca. 122 Min
US-Kinostart: 7.05.2010
dt. Kinostart: 28.04.2011
Budget: 7 Mil.
Box Office: 4,9 Mil.
(USA: 1,1 Mil. / weltweit: 3,8 Mil.)
Bestenliste: 197 (weltweit 2011)
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CAST
Annette Bening
Naomi Watts
Kerry Washington
Samuel L. Jackson
Shareeka Epps
David Morse
Amy Brenneman
Marc Blucas
Carla Gallo
Tatyana Ali
Jimmy Smits |
CREW
Regie: Rodrigo García
Drehbuch: Rodrigo García
Kamera: Xavier Pérez Grobet
Schnitt: Steven Weisberg
Musik: Ed Shearmur
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Über 30 Jahre ist es her, dass Karen im Teenageralter ihre neugeborene Tochter zur Adoption freigegeben hat. Und doch ist die Gedankenwelt der Physiotherapeutin jederzeit bei dem Kind, das sie niemals kennengelernt hat. Die Juristin Elizabeth hat sich ein zwar unstetes, aber selbstbestimmtes und unabhängiges Leben aufgebaut, ohne jedoch so ganz überwunden zu haben, einst von ihrer leiblichen Mutter weggegeben worden zu sein. Das junge Paar Lucy und Joseph wünscht sich sehnlichst ein Kind und entschließt sich zu einer Adoption, da Lucy unfruchtbar ist. Doch Joseph kommen Zweifel, ob er das Glück wirklich mit einem Kind finden wird, das er nicht selbst gezeugt hat. Von diesen nur auf den ersten Blick voneinander unabhängigen Geschichten und Leben, die tatsächlich durch viel mehr als nur das Thema der Adoption verbunden sind, erzählt Mütter und Töchter…
Als hätten sich Robert Altman und Paul Thomas Anderson zusammengetan, die mit Short Cuts (1993) und Magnolia (1999) zwei der herausragendsten Beiträge verwoben-episodischen Erzählens ablieferten: Mütter und Töchter vereint mit Autor/Regisseur Rodrigo García und Produzent Alejandro González Iñárritu ebenfalls zwei Größen der multiplen Handlungsstränge, der Kolumbianer und der Mexikaner lieferten mit Things You Can Tell Just by Looking at Her (2000) und Nine Lives (2005), bzw. mit Amores Perros (2000), 21 Gramm (2003) und Babel (2006) kaum weniger beeindruckende Werke. Bei aller Erwartungshaltung an solche Namen und Titel: die Zusammenkunft der beiden Südamerikaner ist nun nicht die Mutter aller Episodenfilme geworden, eher schon die Tochter, die ihren Eltern einerseits nachzueifern sucht, sich aber auch von ihnen loslöst und dabei noch nicht ganz zu ihrem eigenen Rhythmus gefunden hat. Das reicht für Mütter und Töchter insgesamt zu einem gefühlsstarken, ruhigen, nicht ganz ausgewogenen, aber herausragend gut gespielten Film, der vor den Augen emotionsbetonter (Familien-)Menschen sicher besser aufgehoben ist, als vor denen kalter Zyniker.
Mütter und Töchter ist die Geschichte von Karen, die als Vierzehnjährige schwanger wird und ihre Tochter unmittelbar nach der Geburt aus ihren Händen, nie aber aus ihren Gedanken gibt. Sie schreibt Briefe an das Mädchen, die Frau, die sie sich als ihre Tochter vorstellt, ohne sie abzuschicken, ohne sich zu überwinden, nach ihrem Kind zu suchen. Stattdessen kümmert sie sich um ihre eigene schwer kranke Mutter und als Physiotherapeutin um ihre Patienten, richtet die Fürsorge, die sie zu geben hat, nach rückwärts und an Fremde, statt in eine Zukunft. Karen ist schroff, schmerzlich direkt, das muss auch der neue Kollege Paco feststellen, der jedoch etwas hinter ihrer Fassade entdeckt, das es ihm wert ist in seinem gutmütigen Interesse an ihr, an seiner Hingabe festzuhalten. Karens Geschichte ist die ausgeprägteste in Rodrigo Garcías Script, wohl auch die, zu der man innerhalb des Films am liebsten zurückkehrt. Die stolprige Annäherung zwischen Karen und Paco wird von Humor und der warmen Güte Jimmy Smits‘ getragen, vor allem aber von der Leistung Annette Benings, die sich wunderbar pointiert durch diese schwierige Figur arbeitet, die sich so abweisend und teils gar ekelhaft verhält und die dank Bening trotzdem emotional greifbar und der Selbsterklärung immer näher als der Undurchschaubarkeit bleibt.
Mütter und Töchter ist die Geschichte von Elisabeth, die von ihrer damals vierzehnjährigen Mutter zur Adoption freigegeben wurde, die ohne prägende persönliche Bezüge aufgewachsen und zu einer selbstbewussten, aber mokanten und bindungsfernen Frau herangewachsen ist. Ihrer menschlichen Kälte schließen sich klare berufliche Ziele an und als neue Mitarbeiterin einer Anwaltskanzlei beginnt sie eine Affäre mit ihrem Boss Paul – genauso mit dem Nachbarn Steven, der mit seiner erzkonservativen happily ever after-Frau nebenan wohnt. An keinen bindet sich Elisabeth mit Leidenschaft, Steven schmuggelt sie gar ein Höschen in die Schublade seiner schwangeren Frau, den liebebedürftigen Paul hält sie genausoweit von ihrem Kern entfernt, wie sie ihn scheinbar beiläufig offenbart. Elisabeth‘ Geschichte mag wohl die plakativste in Mütter und Töchter sein, eine Frau ohne Wurzeln und konkret ohne Mutter, die Liebe in keine Richtung zuzulassen bereit ist und hinter deren fast klinischer Kühle die Verbitterung liegt, die den Schein ihres Selbstbewusstseins bedingt. García macht kein Geheimnis aus der Verbindung zwischen Elisabeth und Karen, hier und da finden sich Verhaltensmuster wieder, doch die Atmosphäre dieses Handlungsstrangs ist eine frostigere, eine lebensverneinendere und in der Auflösung illusionslosere. Auch in diesem Fall gestemmt von einer bravourösen Darstellerin, nämlich Naomi Watts, die einmal mehr nicht nur ein körperliches, sondern auch ein seelisches Leben beeindruckend blank legt. Wie Bening und Smits steht Watts mit Samuel L. Jackson ein sehr viel gefestigterer Partner zur Seite. Nach unzähligen over the top- und just for the paycheck-Performances liegt Jackson hier genau richtig und nutzt seine Präsenz endlich mal wieder für ein Spiel leiser Gesten und Töne.
Mütter und Töchter ist die Geschichte von Lucy und Joseph, ein junges Paar mit Kinderwunsch, das sich ob Lucys Unfruchtbarkeit zu einer Adoption entschließt. In diesem dritten liegt eigentlich noch ein vierter Handlungsstrang, nämlich jener der zwanzigjährigen Ray, die ihr Kind abzugeben gedenkt, bereits mehrere Paare abgelehhnt hat, sich Lucy gegenüber aber zu öffnen bereit scheint. Resolut gespielt von Shareeka Epps, die hier quasi ihre Drey aus Ryan Flecks Half Nelson fortsetzt, bietet ihr Part weder genügend Raum, um eine weitere Facette des Adoptionsthemas zu beleuchten, noch um möglicherweise jene Lebensphase zu spiegeln, in der die junge Karen einst steckte. Beides hätte den Film im Gesamten vielleicht noch ein bißchen dramaturgisch konstruierter erscheinen lassen, hätte den Kreis der Handlung vielleicht eher noch ein bißchen eckiger statt runder gemacht, wodurch nun allerdings nicht der Eindruck entsteht, dass García seinem ohnehin stattliche zwei Stunden langen Film NOCH weiter hätte strecken sollen, im Gegenteil: der gesamte Part um Lucy, Joseph und Ray wäre verzichtbarer gewesen, als der Regisseur glauben mag und der Faden hin zum Ende wäre dann vielleicht sogar umso eleganter gesponnen.
So wirkt der dritte (und vierte) Handlungsstrang letztlich doch deutlich in eine bestehende Geschichte hineingedrückt, ohne in gleicher Gewichtung neben den beiden anderen zu stehen und ohne dass Kerry Washington im gleichen Maße ein emotionaler Entwicklungsspielraum zugestanden wäre, wie Annette Bening und Naomi Watts ihn geboten bekommen und wunderbar zu nutzen wissen. Aber Mütter und Töchter muss sich letztlich gar nicht in der Pflicht sehen, sein Konstrukt unbedingt verschleiern zu müssen. Film darf schließlich exemplarisch und symbolistisch sein und wenn Rodrigo García angibt, ganze zehn Jahre an seinem Script geschrieben zu haben, dann beugen sich die kreativen Impulse irgendwann dem reinen Bearbeitungsfleiß, den man Mütter und Töchter ebenso daran anmerkt, dass er teils vorgetragen, ein bißchen aufgesagt wirkt. Aber der Film schafft zuvorderst eine Gefühlswelt, der hinzugeben sich lohnt, in der Schönheit und Trauer nah beieinander liegen, zugegebenermaßen oft mit den Mitteln der Melodramatik inszeniert, aber dennoch mit genügend Ruhe beobachtet, um die Figuren nicht zu überlagern. Ed Shearmurs zurückhaltender Score trägt gleichfalls dazu bei, die Mütter und die Töchter nicht unter Kitschwellen zu ersäufen.
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