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Review: THE WHISTLEBLOWER



Daten/Zahlen


THE WHISTLEBLOWER
(dt. Titel: Whistleblower – In gefährlicher Mission)
Genre: Polit-Thriller/Drama
Freigegeben ab: 16
Jahr: 2010
Länge: ca. 112 Min.
dt. Kinostart: 27.10.2011
US Kinostart: 5.08.2011


Budget: unbk.

Box Office: 1,1 Mil.

(USA: 1,1 Mil. / weltweit: -.)
Bestenliste: 247 (weltweit 2011)

 

Cast & Crew


Regie:
Larysa Kondracki

Cast:
Rachel Weisz
Vanessa Redgrave
Monica Bellucci
David Strathairn
Nikolaj Lie Kaas
Roxana Condurache
Paula Schramm
Alexandru Potocean
Rayisa Kondracki
Jeanette Hain
Benedict Cumberbatch

Drehbuch:
Larysa Kondracki, Eilis Kirwan

Kamera:
Kieran McGuigan

Schnitt:
Julian Clarke

Musik:
Mychael Danna

 
 

Heimkino:
seit dem 2.01.2012 auf Blu-ray & DVD


__

Inhalt

Ende der 1990er: die US-amerikanische Polizistin Kathryn Bolkovac hat nach ihrer Scheidung das Sorgerecht für ihre Kinder verloren, möchte aber wenigstens in deren Nähe leben. Darum nimmt sie, um ihre Geldsorgen zu beenden, einen verlockend gut bezahlten Halbjahresjob im Rahmen der UN-Friedensmission im Nachkriegsbosnien an. In einem im Zuge des Balkankonflikts zerstörten und uneinen Sarajevo stößt Kathryn schnell auf Missstände, vor denen die örtliche Polizei und auch die vermeintlichen Friedensbringer der Internationalen Gemeinschaft die Augen zu verschließen scheinen. Nach einem Teilerfolg, bei dem sie entscheidenden Anteil an der Verurteilung eines Falles von häuslicher Gewalt gegen eine Frau hat, wird Kathryn in eine höhere Funktion beordert – und stößt auf Unvorstellbares: blutjunge, von Menschhändlern aus den Umländern eingeschleppte Mädchen werden in Nachtclubs zur Prostitution gezwungen, erniedrigt, misshandelt und gefoltert. Und es sind längst nicht nur die Einheimischen, die sich auf perverse und unfassbar entsetzliche Art an den wehrlosen Mädchen vergehen, es sind vor allem die Helfer der UN, die vom einfachen Blauhelm bis in die obersten Führungsränge ihre diplomatische Immunität auf das Schändlichste ausnutzen…

Der Film

Die Geschichte der Kathryn Bolkovac ist sicher keine gerne gehörte. Eine, die der Wikipedia nur ein paar Zeilen wert ist, vor allem aber ist es eine dieser Geschichten, die zweifeln und verzweifeln lässt. Eine, die den Glauben an Sicherheit, an Schutz, an Gerechtigkeit und gar sowas elementares wie Menschlichkeit massiv erschüttert, statt ihn zu stärken. Eine dieser Geschichten, die man sich ungern anhört und die doch unbedingt erzählt werden muss. Dazu fühlte sich Spielfilmdebütantin Larysa Kondracki verpflichtet, die bereits 2009 in ihrem Kurzfilm Viko Probleme und (Überlebens-)Kämpfe des ehemaligen Jugoslawien thematisierte. Mit The Whistleblower schrieb und inszenierte Kondracki ein erschütterndes Drama, eines ohne frohe nach-Hause-geh-Botschaft. Ein Film ohne geschönte Wohlfühlwelt, der in den USA in seiner Startwoche in gerade mal sieben Kinos lief und dessen Wikipedia-Artikel noch kürzer als jener zu Kathryn Bolkovac ist. Solche Geschichten hört und sieht man halt nicht gerne. Sollte man aber.

The Whistleblower ist zu Anfang ein Täuscher, beginnt wie ein Film, dessen Grundtenor man zur Genüge zu kennen glaubt: es braucht den aufrechten Amerikaner, um die Missstände andernorts zu erkennen und zu beseitigen. Kondracki stellt die engagierte Polizistin Kathryn Bolkovac aus Nebraska nicht sehr umfänglich vor, wie sie sich überhaupt für den Einstieg in deren Geschichte nicht viel Zeit nimmt: The Whistleblower hastet durch die ersten Stationen ihres Werdegangs und lässt Bolkovac ein bißchen wie das einzig glimmende Licht in einem Schattenmeer des Desinteresses und der Korruption scheinen. In den ersten Minuten wirkt der Film stark simplifiziert und vom westlichen Bild osteuropäischer Gut/Böse-Klischees geprägt, ist in seiner Schwarz/Weiß-Malerei fast sinnverwandt mit dem Pierre Morel/Luc Besson Rache-Actioner Taken, könnte in seinem ideologischen Gleichschritt glatt als dessen Hintergrund-Doku durchgehen. Dieser etwas diffizile Einstieg führt aber keineswegs auf reaktionäre Tendenzen der Kanadierin Kondracki zurück, noch auf debütantische Unbeholfenheit, sondern erscheint in der Nachbetrachtung wichtig und sinnvoll.

»I came in as a very naive Midwestern cop wanting to do the right thing, wanting to bring justice to a lawless world, and I found lawlessness within my own ranks… in the end it was a real awakening for me.« Es ist nicht Ahnungslosigkeit, die Kathryn Bolkovac, deren Großvater Kroate war, nach Bosnien führte, es ist dieser naive, weltpolizeiliche Idealismus und diese stückweite Selbst(miss)verständlichkeit, mit der die USA ganz im allgemeinen glauben, Ideale durchsetzen zu können. The Whistleblower spart einen Entscheidungsfindungsprozess aus, nach Erhalt des Angebotes, als Peacekeeperin nach Bosnien zu gehen, ist Bolkovac in der nächsten Szene bereits dort angekommen und trotz des zusätzlichen Motivs, Geld für einen Umzug in die Nähe ihrer Töchter zusammen zu bekommen, ist es der Wille zu Helfen, der sie dorthin führt und der die ruhelose Polizistin letztlich ja überhaupt erst von ihren Kindern getrennt hat. Und natürlich sucht sie in ihrer Anschauungsweise den Widerwert ihrer Vorstellungen erstmal vor Ort und nicht unter den Helfern und Verbündeten.

Umso härter erfolgt schließlich der Einschlag, den The Whistleblower erzeugt, wenn Bolkovac erstmals auf Spuren stößt, die in die eigenen Reihen führen; wenn hinter Scheinrazzien bloß Erpressung steckt und Fotos auftauchen, auf denen jene, die als Helfer gekommen sind, die Schutzbedürftigen auf jede nur erdenkliche Weise quälen, foltern, missbrauchen, abstoßende Obsessionen ausleben. Wo sie ihm anfangs noch fehlt (und zehn Minuten mehr vielleicht auch eine noch stärkere Charakterentwicklung hätten bewirken können) steigert sich der Film mit der Zeit in eine einschnürende Intensität, die engen Maschen des Netzes aus Verbrechen, schützend von ganz oben über alle darunter ausgeworfen, schließen sich zusehends um Bolkovac, je weiter sie vordringt. Auf jeden dramaturgischen Kniff eines politischen Thriller-Dramas pfeift The Whistleblower dabei nicht, Larysa Kondracki gelingt aber dennoch eine sowohl fesselnde, wie auch nicht katalogorientierte Inszenierung: Kondracki dreht keine Pirouetten um das Geschehen herum, erzeugt kein künstliches, sondern durch scharfen Fokus und einen frontalen Blick tatsächliches Drama, das nie voyeuristisch wird, aber in allem eindringliche Wirkung erzielt, was es zeigt und was es weglässt.

Zudem kann Kondracki stolz oder mindestens zufrieden sein, was für Schauspieler die Qualität und die Wichtigkeit ihres Debüts erkannt haben: die wie gewohnt voll hinter ihrer Rolle verschwindende Rachel Weisz beweist, warum sie zu den aktuell fünf, sechs besten Darstellerinnen überhaupt gehört, die Kraft und Schwere von The Whistleblower ist nicht zuletzt Verdienst ihrer einmal mehr überwältigend wahrhaftigen Performance, die den inneren wie äußeren Kampf einer Frau gegen unfassbares Unrecht nachfühlbar macht. Neben den Rumänen Alexandru Potocean und Roxana Condurache, die als einer der wenigen aufrechten Helfer und Verschleppungsopfer in größeren Rollen zu sehen sind, sind klein- und kleinst-Parts mit Hochkarätern wie Vanessa Redgrave, Monica Bellucci, David Strathairn und BBC-Sherlock und baldigem Star Trek-Schurken Benedict Cumberbatch besetzt; alles Akteure, die auf den Punkt das im Sinne des bestmöglichen Films notwendige zu leisten im Stande sind, ohne als Persönlichkeit davon abzulenken.

Eine weitere Stärke in Kondrackis Inszenierung ist es, um die aus sich heraus gegebene Wirkung ihres Themas zu wissen, ohne das Grauen verstärken und die Taten der ihre Pflicht erfüllenden Polizistin ins heroische überhöhen zu müssen. Kathryn Bolkovac leiten gleich mehrere Motive, sich für die verschleppten und missbrauchten Mädchen einzusetzen, aber keines definiert sie unbedingt als Heldin, da steckt neben der unbedingten Pflichtversessenheit und dem puren Willen auch die Kompensation des Verlustes ihrer Töchter dahinter und nebendran wird sie nie zur blütenreinen Ritterin erklärt: aus dem Bar-Flirt mit dem verheirateten Jan, einem niederländischen Peacekeeper, wird ein schneller Fick wird eine der wenigen vertrauensvollen Bekanntschaften, ohne dass die Grenzen des Filmes eine gemeinsame Zukunft versprechen (zu der es im wahren Leben allerdings sehr wohl kam). Ihre Zweifel und ihr Verzweifeln, die zahlreichen Rückschläge auf dem mühseeligen Weg zu kaum einem Triumpf fühlen sich dadurch nur echter an, dass Kondracki hier keine sonnenstrahlumflutete Göttin der Selbstlosigkeit zeigt. Auf der anderen Seite werden auch die Greueltaten der Schuldigen und Mitwisser nicht über ihre blanke Unmenschlichkeit hinaus mit zusätzlichen Mittel forciert, The Whistleblower bietet nicht DEN hassenswerten Sachverwalterschurken auf, der mit dämonisierter Fratze das Böse synonymisiert, wodurch die schiere Masse an Übel, der Bolkovac sich gegenüber sieht, nur noch erschlagender scheint.

The Whistleblower ist ein Film mit Nachhall, keiner der in die Sicherheit entlässt, dass seine Ereignisse die Welt auch nur ein Stückchen verändert hätten und nun alles wieder gut ist. Kathryn Bolkovacs Taten konnten wohl höchstens ein Kieselsteinchen von der Spitze eines Gebirges stupsen, in dessen Nähe sich die meisten nichtmal trauen. Ohne Schönung und billige Mittel zeigt Larysa Kondracki einen der dunkelsten Abgründe unmenschlicher Machenschaften. Regisseure wie Eli Roth mit Hostel oder Srdjan Spasojevic mit A Serbian Film wählten das Horror-Genre, die bewusste Provokation und den kalkulierten Skandal, um ein Statement zu Menschenhandel, Missbrauch und sexueller Gier über die Grenzen jeder Humanität hinaus abzugeben, ein Statement, das in The Whistleblower ohne detaillierte Schockszenen doch viel eindringlicher formuliert wird. Ein Film, der mehr noch als am Maßstab seiner technischen und schauspielerischen Qualitäten an seiner Wichtigkeit gemessen werden muss und der bravouröse Mittel wählt, um als nichts anderes stehen und in Erinnerung zu bleiben, als ein Film, der eine wichtige Geschichte erzählt, die man sich unbedingt anhören und –sehen sollte.

Wertung & Fazit

Action Kein Kriterium.
Spannung Kommt ohne plakative Spannungschürerei aus, nimmt auch nicht sofort Fahrt auf, steigert sich aber in eine mitreißende Intensität.
Anspruch Das komplexe und wichtige Thema wird an manchen Stellen ein bißchen vereinfacht und komprimiert, dennoch nicht nur mit dem nötigen Nachdruck, sondern auch differenziert eingefangen.
Humor Kein Kriterium.
Darsteller Keine (Mega)Stars, sondern Schauspieler, die es allesamt verstehen, ihren Figuren mehr als nur ein Gesicht zu geben. Rachel Weisz spielt überragend.
Regie Thematisch gewichtiger und in der Umsetzung besser kann ein Regie-Debüt kaum sein. Unheimlich fokussiert, wirkungsvoll und ohne Effekthaschereien inszeniert.
FAZIT
Schwere Kost, vor der man sich aber nicht drücken sollte. Ein Thriller-Drama ohne falsches Betroffenheitsgesäusel, ohne ständiges Betteln um die Aufmerksamkeit, die es von ganz alleine bekommt.


Mehr zum Film

Bewerten & Teilen

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  • http://goingtothemovies.wordpress.com/ donpozuelo

    Klingt sehr, sehr gut. Und Rachel Weisz mag ich ja auch sehr gerne. Der kommt mal einfach auf die Liste ;)

    • http://christiansfoyer.de/ ChristiansFoyer

      Unbedingt!

ChristiansFoyer

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produced and directed

by Christian Hoja

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